Mittwoch, 23. März 2016

Ex oriente lux? Im Gegenteil!




Nun hat sie also ihre erwarteten Erfolge gehabt, die sogenannte Alternative für Deutschland. Die Partei bekam in Baden-Württemberg rund 15 Prozent, in Rheinland-Pfalz 12,6 Prozent und in Sachsen-Anhalt sogar 24 Prozent. Damit muss man als Demokrat leben, es besteht kein Anlaß zur Hysterie. Doch man sollte auch genauer hinsehen, in welche Richtung sich dieses Single-Issue-Häuflein (ohne Flüchtlingsthema kein Wahlerfolg!) entwickelt. Und das, das sollte man nüchtern analysieren, denn mit Dämonisierungen bläst man nur in das Horn einer Toxikologin namens Petry, die genau weiß, dass die Dosis das Gift macht. Und deshalb in steter Regelmäßigkeit ihr Gift in die mediale Aufmerksamkeitsökonomie einträufelt.

27 Jahre nach der Wiederveinigung bleibt festzuhalten, dass die AfD in ihrer jetzigen Form ein spätes Produkt der DDR ist. Das ist kein Vorurteil, kein Ossi-Bashing, sondern eine Analyse. Die sogenannte AfD ist inzwischen zwar auch in westdeutsche Landesparlamente eingezogen, aber ihre Themen und der Kern ihrer Anhängerschaft sind tief in der Tradition dieses biedermännischen Schleiflack-Kleinbürgerstaates verortet. Es ist kein Zufall, dass die Flüchtlingshasser der sogenannten AfD ihre größten Erfolge in jenen Landstrichen feiern, die schon zu Honeckers Zeiten trotz Streben nach Weltniveau nie auch nur einen außereuropäischen Gast oder gar Bewohner gesehen haben. Außer Sowjetsoldaten aus Sibirien, natürlich. Kein Zufall ist es ja auch, dass nur im Osten Pegida als der quasi-außerparlamentarische Arm der sogenannten AfD erfolgreich belegen kann, wie dumpfes Ressentiment und antidemokratische Dummheit bestens miteinander harmonisieren.


Zur Ost-Herkunft passt natürlich auch "Wir sind das Volk!" als politischer Anspruch. Der Spruch ist aus der AfD-Ecke oft zu hören und zu lesen. Er soll Bezug nehmen auf eine angeblich genuin ostdeutsche Tradition des Aufbegehrens gegen eine illegitime Obrigkeit: Volkssouveränität gegen Stasi-Macht. Vergessen wird dabei allerdings zweierlei: Der emanzipatorische Charakter dieses Sprechchores ging schlagartig verloren, als im Herbst 89 der Satz zu "Wir sind ein Volk!" mutierte. Aus demokratischem Fortschritt wurde so Saumagen-Nationalismus. Und zweitens: 1989 richtete sich "Wir sind das Volk" in der Tat gegen eine Regierung ohne Legitimation, die sich mit Wahlfälschungen, getürkten Produktionserfolgen und den Waffen der Sowjetmacht behaupten musste. Denselben Spruch im Jahr 2016 erneut gegen Angela Merkel und Sigmar Gabriel einzusetzen beweist, dass der durchschnittliche Pegida/AfD-Anhänger vom politischen System der Bundesrepublik Deutschland entweder keine Ahnung hat oder es schlicht ablehnt. Im Zweifel wohl beides.

Apropos Pegida: Meine Vermutung ist ja, dass diese montäglichen Zusammenrottungen von Wutrentnern, Glatzenträgern und bürgerlichen Neofaschisten einen wichtigen Teil der zukünftigen Doppelstrategie der sogenannten AfD bilden werden. Der Kuschelkurs zwischen den Bachmännern (Pegida) und Hoeckes (AfD) ist ja längst bekannt, ihr gemeinsames rassistisches Weltbild ebenso. Trotzdem: Die Petry-Truppe wird sich  auch verbürgerlichen, um in den Talkshows auf Augenhöhe mitzureden, sie wird einfordern, als politische Gruppe gehört und als "normaler" Gesprächspartner akzeptiert zu werden. Sie wird oberflächlich westlicher, pseudo-pluralistischer werden, also zivilisierter im politischen Kontext. Die Verbindung von ostdeutscher "revolutionärer" Tradition mit den wohltemperierten Ängsten des westdeutschen Bürgertums steht an. Das ist taktisches Kalkül, um für weitere Wählerkreise akzeptabel zu werden. Der Fahnen-ausbreitende TV-Gnom hat dann ausgedient, er wird durch den smarten Wirtschaftsexperten oder die unentspannte Frau mit der praktischen Kurzhaarfrisur ersetzt. Frau von Storch als ästhetische und inhaltliche Zumutung wollen sie ja schon aus der Programmkommission entfernen.

Überhaupt das Programm: Bisher hat die sogenannte AfD auf Bundesebene keinen programmatischen Text vorzuweisen. Warum auch? Die Partei lebt gut von gefühlten Ängsten und eingebildeten Bedrohungen, ganz ohne theoretischen Überbau. Primat der Praxis, siehe historische Vorbilder. Zwar wird Frau Petry mit ihren besorgten Bürgern nicht auf Berlin marschieren, aber trotz der oben angesprochenen inhaltlichen Zweiteilung in Montagsdemo (= radikale Straße) und Parlamentsarbeit (= bürgerliches Image) wird das Ressentiment weiter vorrangig bedient werden, nicht der Intellekt. Die meisten AfD-Wähler werden das Programm, das Ende Apil kommen soll, deshalb gar nicht zur Kenntnis nehmen. Sie brauchen es nicht, denn ihr Weltbild ist ja schon lange fertig: Merkel muss weg, die Presse lügt und der Islam bedroht uns alle.

24 Prozent in Sachsen-Anhalt? Das heißt: 76 Prozent sind gegen die sogenannte AfD. "Wir sind das Volk" - was für eine Anmaßung.

Nachtrag: Das Kreidefressen geht flott voran, die Partei betont das Biedermännische nun massiv. Der AfD Landesverband Saar ist mit sofortiger Wirkung wegen Kontakten zu offenen Nazis aufgelöst, was nichts an der Integrationsfunktion der AfD auch für diese Kreise ändert.  

Auch die Medien reagieren: Im Politikfachblatt Bunte darf Frau Petry auf drei Seiten die Gründe für ihren Ehebruch darlegen und mit ihrem Lebensgefährten (und AfD-Parteifreund) Marcus Pretzell sittenstrenge Zweisam- und Bürgerlichkeit demonstrieren ("Sie hat so etwas dämonenhaft Schönes."). Ein ganz normales Pärchen, eine ganz normale Partei. 

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