Dienstag, 2. Februar 2016

Die Wahrheit, das Universum und die AfD



Das TV-Programm gegen 1.00 Uhr nachts ist nicht besonders aufregend. Hier trötet einem die Dschungelcamp-Wiederholung entgegen, dort räkeln sich nackte Mädchen in sogenannten "Sport Clips" und möchten, dass ich anrufe. Andernorts jedoch findet man mitunter echte Perlen der Fernsehbranche, uralt und doch aktuell. Zum Beispiel auf ARD alpha, einem dieser Bildungbürgerkanäle. Hier stolperte ich des nächtens über eine Produktion aus dem Jahre 2001 (!) namens alpha centauri. Minimalistische Kulisse, keine Einspielfilme und ein Moderator, der die ganze Zeit über abgefahrene Dinge wie Pulsare, Schwarze Löcher oder das Universum an sich redete. Es war Professor Harald Lesch, der damals noch in den Spartenkanälen rumtobte. Heute ist er ja im Hauptprogramm angekommen, was - wie ich finde - seine Stärken nicht mehr wirklich zur Geltung bringt.

2001 jedenfalls zeigte er, was für ein verdammt guter Wissenschaftsmoderator er ist. Er betrieb Anti-Fernsehen im besten Sinne - denn was sonst ist ein gut 20minütiger Monolog vor einer DDR-Kulisse aus Schultafel und Berufskolleg-Sitzmöbeln? Der Prof sprach von Grundsätzlichem. Lesch erklärte mir nicht nur das Universum (genauer: Die Suche nach den Gesetzen desselben), sondern auch die AfD. Ohne die Partei beim Namen zu nennen, natürlich.

Lesch erinnerte in seinem Vortrag an ein längst vergessen zu sein scheinendes Phänomen namens Wissenschaftstheorie, deren Grundlagen getrost als gemeinsame Grundlagen eines jeden kritischen Denkens gelten dürfen. Stichwort: Falsifizierung. Lesch erinnerte daran, dass jede gute Theorie nicht darauf aus sei, ihren Wahrheitsanspruch hervorzuheben, sondern ganz im Gegenteil stets schon die Einladung zu ihrer Widerlegung enthielte. Mit anderen Worten: Newton, Einstein und Co. wollten nicht die Wahrheit verkünden, sondern sahen sich als "Zwerge auf den Schultern von Riesen", die sich der Fehleranfälligkeit einer jeden Theorie (und damit des menschlichen Denkens) stets bewußt waren. They call it science, baby! Daraus entwickelt sich ein fruchtbarer Diskurs, ein Wettstreit der Ideen und immer auch die souveräne Bereitschaft, unrecht zu haben. Kurz: es geht nicht um die Wahrheit - viel, viel wichtiger ist das Element des Zweifels. Der Zweifel hat die Menschheit voran gebracht, der Zweifel gehört zum wirklichen Denken wie der kritiklose Glauben zur Propaganda und zur katholischen Kirche.

Was das nun mit der AfD zu tun hat? Nun ja, wir leben ja bekanntlich in Zeiten, in denen der Zweifel nur noch Konjunktur als medienwirksame Waffe hat: Lügenpresse, Verschwörungstheorien, Chemtrails und Aluhüte - all das wirft sich in die Pose des Zweifels, beherrscht in Wahrheit aber nicht die fundamentale Voraussetzung für einen ernstzunehmenden poltischen Standpunkt im demokratischen Sinne: Die Bereitschaft, sich und das eigene Denken zur Diskussion zu stellen. Diese Art von Zweifel ist nur ein anderer Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, die widerum Ausdruck von Unsicherheit und, ja: Dummheit ist. Das endet dann bei Carl Schmitt und einer politischen Philosophie, die nur noch in Freund-Feind-Kategorien feststeckt.

Nun ist das alles kein Wunder, denn eine Tri-Tra-Trullala-Medienlandschaft und ein neoliberales Dauertrommelfeuer haben ja seit rund 20 Jahren via Schröder-Agenda und GroKo-Volksgemeinschaft nur noch hassverzerrte Nicht-Gönner hervorgebracht, die jederzeit bereit sind, ihrem Nachbarn, Flüchtling, Rassefeind zu unterstellen, er wolle ihre Frauen rauben/ den Sozialstaat (welchen eigentlich noch?) ausnutzen / den Lack des auf Pump gekauften Golf zerkratzen. 

An den Unis lehren sie folgerichtig  nur noch BWL, VWL und das Dogma von der besten aller möglichen Welten, in der wir angeblich lebten. Die paar Geisteswissenschaftler, die sich noch für die Mechanismen des Denkens statt die besten Aktientipps interessieren kriegen wir auch noch klein. Gutes Beispiel übrigens: Eine Generation von Studenten, denen nur noch affirmativ eingebimst wird, es gäbe keine Alternative zum Kapitalismus, wird sich nicht mit unnötigen Zweifeln aufhalten. Sie ist auch zu beschäftigt, ihren unbezahlten Praktikantenplatz in diesem System zu finden. Und im Zweifel (excuse the pun!) wird sie dann eine von Wirtschaftsprofessoren gegründete Partei unterstützen, die auf Flüchtlinge schiessen will.

Davon konnte Harald Lesch 2001 noch nichts wissen: Das man ihn heute dringender bräuchte als jemals zuvor. Deshalb darf er nun ja auch erst nachts um 1 auf den Schirm.

P.S.: Als dieser Text bereits fertig war, entdeckte ich nebenan bei der fabulösen Frau Smilla, dass es ihr ganz ähnlich geht mit dem Verschwinden des Zweifels. Und bei ihr gibt es auch Katzenfotos!


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