Sonntag, 24. Februar 2013

Wider die Dauerpräsenz der Nicht-Satisfaktionsfähigen.

Ich fühle mich beleidigt. Nicht von einem Menschen, sondern von diesem schwarzen Kasten in meinem Wohnzimmer. Ja, es ist immer noch ein Kasten, keine Hartz4-Lampe im modischen Flachdesign, sondern ein echtes Trumm mit Röhre und dem Volumen eines Umzugskartons. Man nennt ihn Fernseher.



Ich fühle mich beleidigt. Nicht von einem Menschen, aber von den Schlagzeilen, die mich jeden Tag am Kiosk ankreischen und mit voyeuristischer Lust im Privatleben von Menschen wühlen, deren gesellschaftliche Relevanz darin besteht, mit Nichtigkeiten Schlagzeilen zu liefern. B- und C-Prominente mit zweifelhaftem Leumund und beruflichen "Erfolgen" wie der Teilnahme an einer Castingshow oder einer Vergangenheit im Rotlichtmilieu.

Ich fühle mich beleidigt. Nicht von einem Menschen, aber von den Klatschnews im Internet, die immer hochploppen, sobald ich meinen mail-Account checken will. Wann Witzfiguren wie die Van der Vaarts sich geprügelt, getrennt und doch nicht wieder versöhnt haben, interessiert mich ebenso wenig wie der als sogenannte Alkohol-Beichte getarnte, kalkuliert tränenreiche PR-Feldzug einer Jenny Elvers. Und wann welcher Pop-Diva der Busen aus dem Kleid gekullert ist, hat für mich denselben Nachrichtenwert wie die Frage, ob Frau Elvers sich zurecht Schauspielerin nennt.

Ich werde also permanent beleidigt von einer Medienlandschaft, deren Hohlköpfigkeit und Oberflächlichkeit mich ebenso ankotzen wie die atemlose Geschwindigkeit, mit der jeden Tag ein neuer Popanz multimedial aufgeblasen wird. Ob Geissens, Puffbetreiber oder adoptierter Adeliger: Die Berlusconisierung des öffentlichen Lebens schreitet auch in Germania voran. Das Personal, das dabei insbesondere im TV auftritt, hat alle möglichen Eigenschaften, nur diese hier nicht: Würde. Bildung. Stil. Es handelt sich entweder um die oben erwähnten Proll-"Promis", oder um Angehörige der niederen Stände, die an ihren gekachelten Couchtischen endlos Zigaretten stopfen und sämtliche Vorurteile über den Rand der Gesellschaft bestätigen sollen: Sie kreischen, streiten und brüllen den ganzen Tag in unaufgeräumten Wohnungen voller Leergut. Zivilisiert geht anders.

Nicht, das wir uns falsch verstehen: Ich beklage hier die Präsenz dieser Bevölkerungsgruppen in den Medien, ihre überproportionale Dauerexistenz im Kosmos der Trashsendungen und Yellow Press-Fischeinwickelprodukte. Ich beklage nicht ihre Existenz als gesellschaftliche Gruppe oder gar als Einzelpersonen. Es gab sie schließlich schon immer und die Gründe für ihre Existenz auch. Im Falle der sogenannten Promis nutzen diese ja auch gerne bewusst die Lautsprecherfunktion der dauerbrabbelnden Trashpresse - und das ist fast noch akzeptabel als halbwegs fairer Deal zwischen im Dreck lebenden niedrigen Existenzformen.

Für die anderen aber, das Personal der Scripted Reality-Sendungen, des "Frauentausch"-Elends oder der "Super Nanny" gelten andere Mechanismen. Diese Menschen macht das Fernsehen zu Geiseln der Quote. Denn natürlich sind der taufrische Theodor bei "Bauer sucht Frau" und die ostdeutsche Messi-Frau aus "Frauentausch" Opfer einer Unterhaltungsindustrie, die zynischerweise das Verhöhnen ihrer Opfer auch noch als Lebenshilfe deklariert: Schließlich stiftet "Bauer sucht Frau" ja wirkliche Ehen, oder? Und die "Super Nanny" hat ja auch tausenden Familien den Frieden gebracht. Zumindest, bis der Abspann lief.

Das alte Argument der Programm-Macher zur Verteidigung ihres Kreuzzugs gegen die Tugend ist stets die Freiwilligkeit der Mitwirkenden: Alles erwachsene Menschen, die angeblich zu nichts gezwungen werden. Das ist natürlich eine Lüge, wie zahlreiche dokumentierte Fälle belegen (und jeder Beteiligte an so einer Sendung bestätigen kann, off the record natürlich). Und das ist auch gar nicht der Punkt. Das Schlimme an dieser Art von Fernsehen ist, dass es in zwei Richtungen zynisch ist. Es demütigt nämlich nicht nur seine Protagonisten, sondern auch die Zuschauer, indem es permanent an deren niedrigste Instinkte appelliert: Voyeurismus, Häme, Spott. So werden wir darauf konditioniert, im Scheitern der Anderen oder der intellektuellen Unterlegenheit eines Gegenübers immer nur einen Ego-Booster für uns selbst zu sehen - und nicht den Mitmenschen, dem man mit Respekt, gar Empathie gegenübertritt.

Und deshalb fühle ich mich beleidigt. Ich bin fest davon überzeugt, dass in diesem Land eine Mehrheit lebt, die dem Guten, Wahren, Schönen durchaus zugewandt ist. Menschen, die Bücher lesen, Konzerte besuchen und angeregte Gespräche am Küchentisch und auf dem west-östlichen Diwan führen. Aber sie sind medial nicht präsent. Dadurch entsteht ganz nebenbei ein komplett schiefes Bild der gesellschaftlichen Realität. Wer nur RTL2 et al. guckt, glaubt ja wirklich, er lebe in einer Dauerhölle, in der jugendliche Gewalttäter, Alkoholikerinnen und Grenzdebile mit Topfpflanzen-IQ zu einem Soundtrack aus Billig-Techno permanent den Sozialstaat, die Gesellschaft und den braven Steuerzahler verarschen. Kurz: Dieses Fernsehen wirkt faschistoid, weil es den Ruf nach Durchgreifen, Sauberkeit und Ordnung angesichts des gezeigten Elends nahelegt.

Ich weigere mich, mich damit abzufinden. Für mich gibt es nur eine Konsequenz: Egal, ob TV oder Presse - die Auswüchse dieser Art von "Journalismus" sollte man "nicht mal ignorieren" (Karl Kraus). Das ist angesichts des medialen Waterboardings und der Dauerbeschallung schon schwer genug.

P.S.: Eine treffende Analyse des Frauenbildes, dass das Trash-TV vermittelt, gibt es im flannel apparel-Blog.

Montag, 18. Februar 2013

Die Wahrheit über mich.

Sonntagsausflug in die nähere Umgebung. Angesichts des Proto-Frühlings vor dem Fenster wird der Mercedes angeworfen und die eigentlich geplante ausführliche Lektüre der Sonntagszeitung auf unbestimmte Zeit verschoben. Es lockt das Bergische Land, dessen Motorrad-kompatible Straßen um die Mittagszeit noch nicht von sonnenhungrigen, bärtigen Zahnärzten auf Harley-Davidsons verstopft sind wie sonst an Tagen wie diesen. 

Direkt neben der Klingenstadt Solingen erreichen wir an Bord des Sternenkreuzers und leise dieselnd die Burg.


Der Sessellift ist noch nicht in Betrieb und wird von Bergziegen (Burgziegen?) vor Terroristen und Touristen beschützt:

Am Wegesrand: Morbide bergische Architektur:


Und dann ist da die Wahrsagerin. Ich neige ja nicht zu esoterischen Eskapaden, aber die automatisierte Zukunftsdeuterin, die wahrscheinlich noch aus den 50er Jahren übrig geblieben ist, ruft lediglich 20 Cent für ihre Dienste auf und meine Neugier siegt. Obwohl sie ein wenig nebulös erscheint:


Ich entrichte jedenfalls meinen Obolus und hoffe auf eindeutige Aussagen bezüglich meines weiteren Lebenswegs. Das Ergebnis erreicht mich in Form einer düster raunenden Pappkarte, die mir wenig Hoffnung auf satte Geldgewinne oder berufliche Höhenflüge macht:

Liest man den Text genauer, so beschleicht einen der Verdacht, man habe es hier quasi mit einem gesellschaftlichen Grundgesetz der miefigen Adenauerzeit zu tun: Spare in der Zeit, so hast Du in der Not. Ehrlich währt am längsten. Eile mit Weile. Ich erschauere kurz ob soviel sauber geprägter "Keine Experimente!"-Prosa und beschließe, das meine Zukunft entgegen der mechanischen Wahrsagerin bunt und aufregend zu sein hat. Ich meine, wie ernst kann man eine Prognose nehmen, die auf Karton-Restbeständen des Warschauer Pakts verewigt ist? Eben.

Meine Glückszahl lautet übrigens 1123. Und die Zusatzzahl beim Lotto haben sie mir auch nicht verraten.

 

Dienstag, 12. Februar 2013

Blue Jeans @ Centraal Museum

Genauso heißt die Ausstellung, die noch bis zum 10. März im Centraal Museum zu Utrecht besichtigt werden kann. Ihr Inhalt: Die Geschichte der Nietenhose, des Denim-Stoffs und der Mode. Alles in indigo.


Das älteste in Utrecht gezeigt Beispiel für einen Jeans-Stoff ist das Bild eines unbekannten norditalienischen Meisters aus dem späten 17. Jahrhunder, das eine Bettlerin mit ihren Kindern zeigt. Bemerkenswert daran: Der Rock aus dem groben Denim, den die Frau trägt, zeigt genau dieselben "Fading"-Zeichen, wie wir sie von modernen Jeans kennen.


Der Jeansstoff ist also schon deutlich älter als die daraus geschneiderten Hosen. Hier hätte ich mir auch noch gerne ein paar mehr praktische Beispiele gewünscht, aber stattdessen schwenkt die Ausstellung schnell in Richtung Denim-Moderne, in der die Marke Levi's eine große Rolle spielt. 1873 erhielt sie das Patent auf die mit Nieten verstärkte Jeans. Aus dieser Zeit stammen auch die Fragmente von Hosen, die in Utrecht zu sehen sind:


Es würde zu weit führen, die Ausstellung hier komplett zu erläutern, daher hier nur ein paar Impressionen. Neben der Geschichte der Jeans geht das Centraal Museum auch auf den Einfluß der Jeans auf die Jugendkultur (und umgekehrt!) ein, zeigt moderne Designstudien und erwähnt auch die Schattenseiten des globalen Denimgeschäfts. Zusätzlich gibt es Workshops und spezielle Seminare - zum Beispiel über die Kunst, eine Jeans zu reparieren. Das Begleitheft zu den ausgestellten Strücken steht übrigens auf der Homepage des Centraal Museums kostenlos zum Download bereit.

Sonntag, 10. Februar 2013

Utrecht

Karnevalsflucht? Nein, nicht wirklich. Schließlich habe ich standesgemäß zur Jahreszeit auf dem iPod die Wiedergabeliste mit Willi Ostermann und Trude Herr reaktiviert. Aber es wurde mal wieder Zeit, über den Tellerrand zu blicken. Also mit dem Missionswerk "Rheinischer Frohsinn" auf ins schneewehende Holland, wo die Heilsarmee Hotels betreibt, in denen es nichts zu trinken gibt und wo in den Straßen die Frikadel vom Einfallsreichtum der lokalen Küche kündet. Und zwar rund um die Uhr:



Utrecht hieß das Ziel. Und wer sich einmal durch die unglaublich hässlichen Vorstädte neben der A12 durchgekämpft hat, in denen sich Brutalismus und Postmoderne fröhlich die Hände reichen, der wird belohnt mit Kanälen, skurrilen Geschäften und einer wunderbaren Altstadt, in der das Glockenspiel des Doms zünftige Stimmungshits spielt (Karneval!).



Auch nicht schlecht: Der Kaffee im Winkel van Sinkel und die, nun ja, erotischen Backformen im örtlichen Haushaltswarenbedarf.



Ach ja, der Anlass der Reise war übrigens das hier:


Davon später mehr.