Sonntag, 21. Oktober 2012

The Hot Club Is Coming To Town...


Einmal im Jahr spielen Ray Collins' Hot Club eine Art Heimspiel im Kölner Gloria. Heute nacht war es wieder soweit - und ich sage mit Absicht "heute nacht", denn die Konzerte der vielköpfigen musikalischen Hydra namens Hot Club folgen ihren eigenen zeitlichen Gesetzen.

Das Konzert fängt stets sehr spät an, und dennoch sind schon Stunden vorher in der Kölner Innenstadt eine Menge Leute versammelt, deren Kleidungsfundus aus längst vergangenen Zeiten zu stammen scheint. Die Herren changieren zwischen dem eleganten Eintänzer-Look der Swing-Zeit und dem ruppigen Style amerikanischer Working-Class-Angehöriger, die Damen setzen auf Hochsteckfrisuren und die unterkühlte Sekretärinnen-Erotik der 40er Jahre. Alles in allem: Ein schöner Anblick. Ein bißchen wie Karneval. Man steht so rum und guckt, wer alles da ist und vor allem: wer was trägt. Wie der Professor zu Recht bemerkte: "Die ersten drei Stunden dienen nur dem Gucken!" Das Ganze hat wie gesagt noch nichts mit dem Konzert zu tun, denn das beginnt erst nach 23 Uhr. 

Als es soweit ist, bezaubern Herr Collins und seine Blechbläser mit stylishem Bühnenoutfit und messerscharfen Riffs. Stargast an diesem Abend ist Big Jay McNeely, Saxofonist, der schon in den 40er Jahren das Horn blies und zur Zeit der Zoot Suit Riots eine echte Größe war. Moment, 40er Jahre? Der Mann muss doch schon steinalt sein? Exakt 85 Jahre. Na und?
Er wurde zu seinem Platz auf der Bühne geführt und spielte im Sitzen - und das Publikum feierte ihn für die sportliche Leistung, die er zwischendurch mit launigen Ansagen und Call-and-Response-Spielchen würzte. Ein wahres Vorbild und wahrscheinlich der Schrecken aller Altenheime des Mittleren Westens. Wenn ich dereinst mit 85 Jahren noch ein solches Lungenvolumen habe, dann schätze ich mich glücklich...
Nach Pause und DJ-Set gab's dann noch einen zweiten Teil des Collins'schen Gesamtwerks mit der bezaubernden Lil' Linn - die ich leider verpasst habe, weil ich rauchen musste und überhaupt gerade anderes zu tun hatte. Erst gegen 3 Uhr war Schluss. 
Oder auch nicht - denn die Tanzwütigen im Publikum konnten weiterhin das Tanzbein schwingen. Das tat ich mangels Kenntnis der einschlägigen Bewegungsabläufe zwar nicht, dennoch: Ein klasse Abend mit schnafter Musik.

Aber wer ist eigentlich diese Lindy Hop?

Freitag, 19. Oktober 2012

Abwärts.

Quelle: DWDL

Gute Nachrichten zum Wochenende: Das Böse verliert manchmal eben doch. Und sei es an Auflage.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Abschied von gestern.

1982: Als die Zukunft noch silber war.
Ich möchte mein Leben aufräumen. Mich von Ballast befreien und Überflüssiges loswerden. Liegt wohl am Alter. Aber keine Angst, ich werde nun nicht in Schwitzhütten nach dem Sinn vonnet Janze suchen und ich werde auch nicht Buddhist, Scientologe oder Christ. Und bei den Mormonen und Moslems gefällt mir nicht, dass sie was gegen Alkohol haben.

Nein, man soll ja mit den kleinen Dingen anfangen. Den Müll runterbringen, die Sanifair-Gutscheine von den Autobahnraststätten endlich einlösen - oder seine CD-Sammlung digitalisieren. Schließlich nehmen die silbernen Tonträger ziemlich viel Platz weg in meiner bescheidenen Hütte und intensive statistische Analysen haben ergeben, dass ich seit dem Erwerb eines iPods nur ungefähr dreieinhalb Minuten jährlich eine CD in den letzten im Haushalt verbliebenen Player einlege. Download rules okay, inzwischen auch bei mir. Deshalb habe ich beschlossen, die ganzen Bits und Bytes via iTunes auf einer externen Festplatte zu speichern und den physisch neu gewonnen Platz anderweitig zu nutzen. Dort könnten dann zum Beispiel meine Platten stehen, die ich selbstredend NIE verkaufen werde. (Ein Veräußern der Vinylschätze wäre in etwa so, als würde man mir die Erinnerung an die Pubertät nehmen ...vielleicht doch keine schlechte Idee?).

Anyway, die Silberlinge sind zum Abschuss freigegeben. Aber wenn ich ehrlich bin, beschleicht mich beim Digitalisieren doch ein seltsam nagendes, unwohles Gefühl. Im Herzen bin ich ja ein mechanischer Mensch und sämtliche digitalen Medien (insbesondere wenn sie von einem Herrn Jobs verantwortet werden/wurden) geniessen mein allertiefstes Misstrauen. Denn: Stromausfälle, Feuersbrünste, Datenverlust, der Iwan kommt - kann alles passieren. Sollte die Hütte hier abfackeln, könnte ich die CDs zur Not hustend mit mir drei Treppen hinunter schleppen (was praktisch andererseits undurchführbar wäre, weil meine Arme schon mit den wichtigsten LPs voll ausgelastet wären), an eine Festplatte würde ich im Notfall nie im Leben denken.

Trotz all dieser Zweifel habe ich nun angefangen, die gesamte, bei mir auf kompakter Scheibe vorhandene Musikgeschichte seit der letzten Eiszeit in das Reich des Apfels zu überführen. Das Schöne dabei: Man entdeckt viele gute Werke und Songs wieder. Den Doppel-CD-Sampler "Down To The Promised Land - Five Years Of Bloodshot Records" habe ich schon seit 2003 nicht mehr gehört, ebenso Burning Spear, Red Star Belgrade oder die Raubkopie einer Culture-CD, die ich einst auf Barbados beim Schwarzbrenner (no pun intended!) meines Vertrauens erwarb. Der frühe Elvis taucht wieder auf, Northern Soul erlebt ein ganz persönliches Revival und alte Fugazi-Kracher begeistern mich ebenso aufs Neue wie das Gesamtwerk der Aeronauten. Kurz: Allerhand Obskures erhebt die musikalische Stimme - und ich wanke schon wieder, ob ich derartige Schätze wirklich meistbietend an MOMOX und Co verscherbeln soll. 

Falls ich es tue, kaufe ich mir vom Erlös ein paar heiße Scheiben.



Montag, 15. Oktober 2012

Altersmilde?


Wenn ich mir die - zugegebenerweise: recht überschaubaren - Posts der letzten Zeit in diesem Blog so ansehe, dann fällt mir auf, dass ich mich schon lange nicht mehr aufgeregt habe. Dabei rauche ich gar keine HB.

Mein neuerdings friedliebendes Blog-Gemüt ist unter klicktechnischen Aspekten übrigens durchaus kontraproduktiv. Die Statistik beweist nämlich, dass ich meine größten Erfolge mit Beiträgen eingefahren habe, in denen ich mich wut- und wortgewaltig bemühte, dem tagtäglichen Irrsinn eine schriftliche Ausdrucksform zu geben: Korrupte Bundespräsidenten, unfähige Servicekräfte, lautstarke Nachbarn, miefige Kleinstädte - all das scheint bei den Lesern und Leseretten als Thema durchaus anzukommen.

Ich schneide mir also ins eigene Erfolgsfleisch (wenn man denn Erfolg so definieren möchte), seit ich auf der Blumenwiese des Lebens nicht nur die Stinkmorcheln, sondern auch die hübschen Gewächse entdeckte.


Dabei gäbe es genug der Erstgenannten, die meinen heiligen Zorn verdient hätten. Ich könnte beispielsweise den Alternativ-Sarrazin geben und mich über die populistischen Themen a la mode ereifern: Warum ein Innenminister via Springerpresse das wenig beneidenswerte Schicksal mazedonischer und serbischer Sinti und Roma als nur wenig verschleiertes Anti-Ausländer-Thema ausruft und mal wieder "Das Boot ist voll!" raunt. Warum ein Umweltminister mir weismachen möchte, der Strompreis müsse eben weiter steigen, aber bitteschön nur für mich und nicht etwa für die Aluminiumindustrie. Auf die Idee, den Atomverbrechern ein bißchen ihrer Milliardengewinne abzunehmen, kommt dieser Mensch nicht, der übrigens aussieht wie eine Kreuzung aus Helmut Kohl und dem späten Dieter Krebs als Sketch-Charakter. 

Ich könnte mich trefflich ereifern über Markus Lanz im Trikot von Fortuna Düsseldorf (Argh!), Lance Armstrong als Totengräber des Radsports oder über den Deppen, der meine Garage zuparkt und dann einfach verschwindet. Oder über Urteile zur Beschneidung von Kindern, die mich daran zweifeln lassen, ob zweihundert-und-ein-paar Jahre Aufklärung wirklich stattgefunden haben.

Tue ich aber nicht, und ich weiß jetzt auch, wieso: Die Idioten sind leider in der Überzahl.

Samstag, 13. Oktober 2012

è pericoloso sporgersi.

Nein, gefährlich war es nicht. Trotz Tapiren, Geckos, zweier Affen, Bussarden, Hähnen und Hühnern. 2700 Kilometer durch vier Länder, Destination Lungomare.


Deutschland als graues Autobahnband, Frankreich als kulinarischer Zwischenstopp, die Schweiz wie gewohnt im Eisenbahnmaßstab 1:87 und einem nebeligen Gotthard-Pass (SELBSTVERSTÄNDLICH sind wir oben rüber und nicht durch den Tunnel!), Italien im Herbst mit 27 Grad und Regenschirme verkaufenden illegalen Strandhändlern. Wir in Badekleidung, den angebotenen Daunenjacken (!) verständnislos entgegenblickend vor dem nächsten kühlenden Gang ins Meer.

Die Kosten dieses partiell surrealen Vergnügens? Ein neuer Keilriemen, 85 Euro beim netten rallyefahrenden Werkstatt-Trupp am Flußufer, inklusive Vorzugsbehandlung und V.I.P.-Kaffee: Buon Giornata!  Ansonsten - Eindrücke, Kultur, Mückenstiche, sympathische Menschen und finstre genuesische Gassen. Nein, Schuhe habe ich nicht gekauft, trotz eines verwirrend vielfältigen Angebots:


Aber hochwertige Rasierprodukte und Schreibutensilien. Und natürlich Wein und Köstlichkeiten. Die gab es auch im ligurischen Teilzeit-Heim mitten im Olivenhain, dessen Zufahrt so steil war, dass der großstadtverwöhnte Mittelklasse-PKW sich nun offiziell Off-Roader nennen darf und stolz ein paar Schrammen an der Frontschürze als Andenken mit nach Hause bringt.

Leute, fahrt nach Italien, lernt, zu leben, bei Rot über die Ampel zu gehen und rechts zu überholen!