Mittwoch, 29. Februar 2012

Hauptsache, die Haare liegen


Der Pressetext zu "Party, Bruder!" gibt mächtig Gas:
"Die Frisur sitzt, das Styling passt, die Stimmung ist perfekt. Und die fünf coolsten Typen aus dem Ruhrpott wollen nur noch eins: Raus ins Partyleben, zusammen feiern bis in die Morgenstunden, mit den Mädels flirten und einfach nur Spaß haben. VIVA ist immer mit der Kamera dabei, wenn die Clique um Boss Anil (22), Charmeur Bulut (19), Tänzer Moho (19), Model Steven (19) und den süßen Nayef (19) zusammen loszieht und begleitet die selbstbewussten, sympathischen Jungs zwischen Alltag, Job und Wochenendplanung – jede Menge coole Sprüche, witzige Lebensweisheiten und Situationen inklusive. Egal ob Bad Hair Day, Zickenalarm mit der Freundin, Stress bei der Führerscheinprüfung oder mal wieder pleite – die fünf Freunde halten immer zusammen. Das Leben ist schließlich viel zu kurz für schlechte Laune und das nächste Wochenende auch schon in Sicht."

Ich sag's ja: Fun ist ein Stahlbad. Das Leben? Zu kurz für schlechte Laune! Das Wochenende? In Sicht! Party? Bruder! Ich möchte nicht mehr jung sein, wenn mein Leben auf "coole Sprüche und jede Menge Haargel" (O-Ton Viva) reduziert wird und die wichtigsten Youth-Utensilien das iPhone und das Glätteisen sind. Aber die 8-16jährige Zielgruppe wird sich natürlich trotzdem ab April in die coiffeurtechnisch perfekte Ethnotruppe verlieben, die nach dem Prinzip der Boygroup zusammengestellt wurde. Man sieht sie förmlich vor sich, die Klingeltonsender-Chefs, wie sie sich freuen über ihr Pott-Pourri (diesen Kalauer stelle ich der Viva-Presseabteilung kostenfrei zur Verfügung!), das der alten Malocherherrlichkeit aus den sozialdemokratischen Filmen mit klebrigem Haargel zu Leibe rückt. Nein, jetzt kommt der neue Ruhrpott mit CentrO und Dieter Gorny, Kulturhauptstadt und Wellnessoasen auf alten Zechengeländen. Er wird die Kulisse sein für eine Bande von selbstverliebten Gecken, die sich für die fünf coolsten Typen des Ruhrpotts halten, die Chicks abchecken und deren persönliches Fukushima der Zickenalarm der Freundin sein wird. Schauen wir also mal, was Boss Anil sowie der Charmeur, der Tänzer, das Model und der Süsse so alles anstellen. Mit der Wahrheit wird das nichts zu tun haben - auch wenn Viva betont, die Sendung sei nicht gescriptet.

Es gab Zeiten, da musste man so etwas nicht extra hervorheben.

Dienstag, 28. Februar 2012

Das Drift-Schiff


Neuer Einsatz für den Sternenkreuzer: Ich habe ihn ein wenig gepimpt und mal etwas Auslauf gegönnt. Was in so einem Diesel alles drinsteckt ;-)

Sonntag, 26. Februar 2012

Mannsbild

Ich habe es nicht leicht. Ich bin ein Mann. Eine Ein-Mann-Selbsthilfegruppe, sozusagen. Bis jetzt ging ich recht gedankenlos durch die Welt, was meine Rolle als Mann anging, aber aus zwei verschiedenen Ecken kamen jetzt innerhalb kurzer Zeit gewisse, nun ja, Denkanregungen (vorsichtig formuliert) zu diesem Thema.


Ich bin jetzt zu faul, es exakt zu recherchieren, aber vor einigen Wochen beschwerten sich auf "Spiegel"-Online junge Frauen darüber, dass die Männer von heute nicht mehr männlich genug seien und in ihrem Bemühen um fortwährendes Gutmenschentum die Work-Life-Balance der aufstiegsorientierten, selbstbewußten Frauen von heute gehörig durcheinander brächten. Sie - die Frauen - wollten keine brummbärig-gutmütigen Kurt Becks der Libido in ihren Designerbetten, sondern endlich mal wieder knorrige Kerle, die eine 45er Magnum blind auseinander- und wieder zusammensetzen könnten. (Ich übertreibe, aber Polemik ist nun mal my middle name). So weit, so langweilig. In der testosteronstrotzenden "Spiegel"-Redaktion dürfte die Rundumkritik am aktuellen Mannsbild wohlgelitten gewesen sein. Ich jedenfalls las dieses reaktionäre Manifest und wandte mich wieder der harten Kärrnerarbeit im Beziehungsbergwerk zu, bevor ich am Stammtisch politisch korrekte Witze ohne Pointe zum Besten gab.


Heute dann eine neue Forderung aus dem Hause "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Das Feuilleton tönt im Aufmacherartikel: "Männer, werdet weich!" - und ich bin verwirrt. Ralf Bönt, seines Zeichens promovierter Physiker, hat ein Buch geschrieben und die F.A.S. stellt es in besagtem Artikel vor: "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann". Oh je, denke ich, wieder so ein Selbstbezichtigungsbuch aus der Therapeutenecke, das in einem halben Jahr für ein paar Euro auf dem Ramschtisch landen wird. Aber egal: Bönt tauchte auch schon in einem anderen Artikel der FAZ auf, der sich ebenfalls mit den Rollenfragen und -spielen der modernen Gesellschaft beschäftigte.

Ralf Bönt plädiert - stark verkürzt - für eine Pause im femininen Anspruchsdenken. Nicht aus Gegnerschaft zum Feminismus, sondern weil Bönt spiegelbildlich zur Manifestation weiblicher Bedürfnisse/Forderungen/Wünsche auf männlicher Seite eine entsprechende Leerstelle entdeckt haben will: Es gibt keinen Diskurs darüber, was heute männlich sein kann/darf/soll - nicht mal unter Männern. Die definierten sich immer noch zum größten Teil über ihre Arbeit, aber jenseits von Karrieremustern gäbe es für Männer von heute keine ideologischen Guidelines, an denen sie sich entlanghangeln könnten und die sie gegenüber den Frauen offensiv vertreten könnten. Nebeneffekt: Deshalb könnten viele Männer auch mit den dargebotenen Männerrollen und Ästhetiken zum Beispiel aus der Modewelt (metrosexuell, retrosexuell, homosexuell) nicht souverän umgehen.

Puh. Das klingt nach Gehirnjogging. Aber schauen wir mal genauer hin: So intellektuell reizvoll derartige Gedanken sein mögen, so wenig sehe ich eine Verbindung zum Lebensalltag der meisten Männer - und das hat Bönt dann mit den aufgeregten "Spiegel"-Weibchen gemeinsam. Ich als Selbsthilfegruppe stehe mit Unverständnis vor einer selbst aufoktroyierten Identitätsdebatte: Sie ist für mich persönlich überflüssig. Man(n) tut halt sein Bestes - ganz unglamourös und ohne den Hauch einer spezifischen Männlichkeitsideologie. Das heißt, man ist weder dem RTL2-Frauenbild eines Lothar Matthäus verhaftet, noch begreift man sich als latzhosentragender Frauenversteher mit der sexuellen Attraktivität eines Reiner Calmund. Um im Fußball-Umfeld zu bleiben: Mein Role Model ist jemand wie Jürgen Klopp, der einerseits kämpferisch-zotig daherkommen kann, aber auch witzig und gefühlig. Und dabei nie rasiert ist.

Mehr muss es dann auch nicht sein. Ich möchte keinen Vietnam-Kongreß mit einem Männlichkeits-Rudi Dutschke abhalten müssen, um meinen Platz in der Gesellschaft und Partnerschaft zu finden. Die Analyse von Bönt mag richtig sein, aber sie ist die Lösung für ein Problem, das ich nicht habe. Und die Männer, die ich kenne, auch nicht (gut, von denen wohnt auch keiner in Berlin-Mitte). Sie alle sind Familienväter, Ex-Ehemänner, Lebenskünstler, liebende Väter und Stehplatz-Besucher - mit anderen Worten: Diejenigen, die sich durchaus bemühen, ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer Männlichkeit zu haben, ohne deswegen zu Maskulinitäts-Stalinisten zu werden. Sie sind nicht selbstgerecht, nur pragmatisch.

Wie sangen einst die Aeronauten durchaus selbstironisch zum Geschlechterverhältnis: "Ihr wollt nur über alles nachdenken / und Lösungen finden / ich will nur stumpfen Mist im Fernsehen sehn / und mich moderat betrinken." Zur Not eben in der Ein-Mann-Selbsthilfegruppe.

Dienstag, 21. Februar 2012

Luzifers Freunde

Diese Haare. Diese Schuhe. Diese Pose. Die Satan Jokers sind wirklich die Hölle. So etwas kann nur 1983 in Frankreich entstanden sein, wo man sogar Johnny Halliday für Rock'n'Roll hielt. Ich habe keinen Ton von dieser Platte gehört, aber ich tippe auf Bombast-Schweinerock-Metal mit Eierkneiferstimmen. Wenn das die "Söhne des Metal" sind, wie der Titel behauptet, möchte ich nicht die Eltern kennenlernen.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Zu groß zum Fehlen.


Vor gut zwanzig Jahren haben "Die Aeronauten" ihre erste Cassette aufgenommen und fast genau so lange gehören sie als Fixstern in mein musikalisches Universum. Aufmerksam wurde ich auf die konsequent-inkonsequenten Schweizer spätestens mit der Single "Countrymusik", in der sie prophezeiten, dass Johnny Cash zum Soundtrack koksender Werbetexter werden würde - und sie haben bekanntlich Recht behalten (dafür können allerdings weder die Aeronauten noch Johnny Cash etwas). Lustigerweise listet iTunes die aktuelle Platte der Band unter dem Genre "Country", was als grandioses Missverständnis durchgeht und die beschauliche Schweiz zu einem virtuellen Hot Spot des Hillbilly werden lässt.

Ach so, das wollte ich eigentlich verkünden: Jetzt haben die Aeronauten ein Doppelalbum veröffentlicht, und der Titel lautet "Too Big To Fail". Doppelalbum, das klingt nach Rock-Oper und Konzeptgezerre - und genau das ist es auch. Eine monumentale Art, mal wieder alles falsch zu machen. Auf der ersten Platte/CD/Downloadliste gibt es Aeronautenschrammelpop wie gehabt (vielleicht ein wenig elektronischer als sonst), auf der zweiten "Platte" wird's dann konzeptionell: Klangskulpturen/Stimmungsgrooves/Moodverstärker/Filmrisssoundtrack. Mein Eindruck ist noch zu frisch für ein abschliessendes Urteil, aber eins ist klar: Zu groß zum Fehlen sind sie wirklich.

Ansonsten bleibt mir nur übrig, lautstark zu beklagen, dass die Männer um Guz auf ihrer aktuellen Tour einen großen Bogen um den Nordwesten dieses Landes machen, das etwas pointiertes In-die-Fresse-Singen gut gebrauchen könnte. Dennoch: Aeronauten, wir sehen uns - und wenn ich in die Hölle reisen muss, um dort die Heizung abzustellen!

Bis dahin noch ein schon etwas älteres Stück, das wahren Helden Trost spendet und folgerichtig ein Taschenmesser zu Weihnachten verspricht.

Montag, 13. Februar 2012

Sieben Dinge, ohne die man nie das Haus verlassen sollte.

Für die Gedanken unterwegs.
Für den Notfall.
Fürs Hinkommen.
Für den Wohlklang.
Fürs Aufschreiben.
Für die Pausen.
Für den Kopf.

Freitag, 10. Februar 2012

Gott ist ein Chip.

Das muss kein Zufall sein!
Mein neuer Lieblingsbegriff ist "Geplante Obsoleszenz". Damit ist eine Art eingebautes Verfallsdatum gemeint, das in vielen Produkten dem Hersteller auch den zukünftigen Verkaufserfolg sichern soll. Denn der arme Hersteller steckt in einem Dilemma: Er möchte einerseits Qualität verkaufen, andererseits möglichst schnell möglichst viel verkaufen. Ist sein Produkt jedoch sehr gut, funktioniert es lange Jahre. Schön für den Kunden, schlecht für den Absatz. Schließlich hält hier bei uns nur der ständige Erwerb von neuem Plunder den Laden am laufen. 

Gegen gute Produkte muss also vorgegangen werden. Zur Not mit technischen Tricks - und deshalb streikt zum Beispiel nach einer festgelegten Anzahl von Druckvorgängen so mancher Computerdrucker, obwohl die Hardware komplett in Ordnung ist. Haareraufen beim Kunden, Hysterie, verpasste Deadlines, unschöne Szenen. Warum? Ein eingebauter Chip sorgt für die geplante Obsoleszenz - und dafür, dass der Kunde einen neuen Drucker kauft. So löst man das Paradoxon auf, gute Qualität mit einem kurzen Produktlebenszyklus verbinden zu müssen. 

Neben dieser technischen Methode, die den Nachteil hat, nachweisbar zu sein, gibt es aber auch subtilere Mittel, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Man redet einfach den Leuten ein, der Kram von gestern sei schlechter als der Kram von heute, obwohl auch der von gestern noch tadellos funktioniert. Das nennt sich Werbung.

Wenn ich so darüber nachdenke, sind wir ja auch alle Computerdrucker. Die menschliche Hardware wird mit der Zeit immer schäbiger, aber meistens ist die Struktur ja noch ganz gut. Mit ein bisschen Improvisation kann man immer noch ein paar Jahre auf Toner-Reserve tuckern. Und dennoch müssen auch wir zum Zeitpunkt X uns der geplanten Obsoleszenz ergeben, weil irgendeine Instanz beschliesst, nun sei es genug mit unserem tintenstrahligen Dasein.

Ist Gott gar ein Mikrochip?

Donnerstag, 9. Februar 2012

Nachtmahr


Aus dem aufregenden Nachtleben eines Altauto-Betreibers.

(Wer den Motor erkennt, bekommt eine Dose 5W40!)

Dienstag, 7. Februar 2012

Sie kommen!

Über Iron Sky habe ich ja schon einmal hier geschrieben. Die finnisch-deutsch-australische Space Nazi-Geschichte ist nun fertig gestellt und feiert am Wochenende ihre Weltpremiere auf den Filmfestspielen in Berlin.



Mal sehen, wie das bürgerliche Feuilleton mit Udo Kier und Götz Otto als, ähem, Führer der Weltraumfaschisten zurechtkommt. Ich bin jedenfalls gespannt auf das Trash-Machwerk der besten Sorte.

Sonntag, 5. Februar 2012

Oranje-Deutsch

Ich gehöre ja nicht zu den Sprach-Nazis, die hinter jedem Fremdwort den Untergang der teutschen Kultur vermuten. Meinetwegen dürfen wir alle weiterhin "Explosionsmotor" sagen, damit nicht irgendwelche selbsternannten Sprachwächter mich zwingen, "Zerknalltreibling" zu sagen. Und auch das von germanistischen Schrebergärtnern oft beklagte Denglish gehört für mich zum Esprit (Mon Dieu!) einer lebendigen Sprache dazu, denn nur echte Nazis bestehen auf "Weltnetz" und "E-Post". Es lebe also das Handy, der Service und die Non Food-Abteilung.

Vor diesem Hintergrund plädiere ich sogar für die weitere Aufnahme ausländischer Begriffe in den deutschen Sprachschatz - vor allem, wenn sie so sympathisch zwittrig daherkommen wie dieser mißglückte, dennoch charmante Versuch, das niederdeutsche Idiom, das unsere westlichen Nachbarn am Rande der Nordsee sprechen, mit dem Hochdeutschen zu verbinden:


Der "Räumingsausverkauf" gehört für mich in eine Liga mit dem "We Sale", dass eine kleine Uhren- und Parfümeriefiliale in dieser kleinen Stadt hier für den Gipfel an marketingtechnischer Hipness hält. Morgen gehe ich hin und frage die gutaussehende Verkäuferin: "Du Ausverkauf?" - und sie wird antworten: "Wir Ausverkauf!"

Das ist auch alles okay so, denn die produktiven Missverständnisse sind ja viel interessanter als die sauberste Regelauslegung. Unvergessen übrigens mein Verwechseln von "Fön" und "Ventilator" bei einem karibischen Friseur, der mich frug, wie ich meine Haare trockne: "With a fan!" - ich kenne mich mit produktiven Missverständnissen also aus.