Dienstag, 10. Januar 2012

Der dunkle Grenzbezirk (6)


Morgens halb zehn in Deutschland.
"Mach die Tür auf, Du Arsch!!!" Nein, keine verspätete Aufforderung bezüglich eines Adventskalenders, nur der normale Umgangston unter den Bewohnern des Nachbarhauses. Die Mehrheit der rechtschaffenen, gesetzestreuen Bürger in meiner Straße nimmt derartige Dialoge schon gar nicht mehr wahr - zumindest, solange sie nicht einen gewissen Grad an Hysterie übersteigen. Hier gehören brüllende Bewohner quasi zur Serienausstattung, nur extreme Beleidigung oder Körperverletzung sind kostenpflichtige Extras.

Allerdings: Die Stimme wird lauter. "Aufmachen, Du Arsch!!! Soll ich die Tür eintreten?" Eine weibliche Stimme, in Höhenlage. Das Hyster-o-meter unter den Nachbarn schlägt aus. Es wird also kritisch. Das denkt sich auch die Staatsmacht und fährt mit einem Peterwagen vor. Keine Ahnung, wer die gerufen hat. Die weibliche Stimme wohl nicht, die ist gerade beschäftigt mit Beschimpfungen aus dem Repertoire von Rap-Videos. Zwei Beamtinnen steigen aus dem Streifenwagen aus und nehmen sich der Situation an. Ich kehre zurück an den Schreibtisch, schließlich habe ich ja was anderes zu tun als Reality-TV-Darstellern bei der Ausübung ihrer Passion zuzuhören. Einige Minuten lang höre ich noch die gedämpften, immer gleichen Diskussionen mit den blau uniformierten Schiedsrichtern in diesem Celebrity Death Match auf Hartz4-Niveau. Nichts Besonderes.

Dann allerdings stören mich die Sirenen von einem, nein, zwei weiteren Streifenwagen, die mit Höchstgeschwindigkeit und quietschenden Reifen vor dem Nachbarhaus auflaufen. Irgendetwas ist aus dem Ruder gelaufen. Wüstes Getrappel, polternde Geräusche - und jetzt: Eine Männerstimme. Ich verstehe nur "Auf den Boden!" und ein protestierendes Gefluche. Monsieur Aggro scheint not amused. 

Madame Aggro hingegen kreischt jetzt nicht mehr, sondern redet vor dem Haus auf die restliche Polizei-Truppe ein. Man palavert so vor sich hin und dann wird Monsieur Aggro auf den Boden geplumpst, direkt unter meinem Fenster. Da sitzt er dann gut zehn Minuten, rührt sich nicht. Bis ein weiterer Streifenwagen vorfährt und ihn einlädt - im Kittchen ist ein Zimmer frei.

Ich weiß nicht, ob das Frühstücks-Ei zu hart war oder ob die beiden Protagonisten des Sozialdramoletts andere Probleme haben - ich weiß nur, dass es schwer fällt, ruhig am Schreibtisch zu sitzen, wenn unten die Parallelgesellschaft Kleinkrieg spielt.

Morgens halb zehn in Deutschland.

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