Dienstag, 29. November 2011

Illegitimi Non Carborundum!*

Kreditkrise, Novemberwetter, Laufmaschen und angebrannte Frikadellen - das Leben kann echt hart sein. Trotzdem: Lasst euch nicht unterkriegen! Sagen die Jive Aces:



* Don't let the Bastards take you down!

Sonntag, 27. November 2011

Definitiv: Nein!

Ernsthaftigkeit. Energie. Druck. Im positiven Sinn: Eine vibrierende, sanft dominierende Gewalt, die Dich umgibt, körperlich spürbar. In diesem Kontext ein seltsames hippieskes Bild, aber stimmend: Du umarmst einen uralten Baum, in dessen Innern eine Bassbox wummert. Das Ganze mal rasend speedmetalig und sich fast überschlagend, mal zeitlupenschwer wie eine Dampframme.


EA80. Eine druckvolle Wand von einem Sound, nicht mal gut oder angenehm unter Gesichtspunkten der Akustik (aber seit wann geht es bei Punk um Akustik?), sondern eine wuchtige Demonstration des "Immer noch". So, wie die neue Platte heißt - Definitiv: Nein!

Dieses meist geschrieene, mitunter geflüsterte "Nein" gilt seit rund 30 Jahren. EA80 sind sich treu geblieben. Keine Plakate, keine Interviews, kein Merchandising, kein Schnickschnack, kein Personenkult (deshalb hier auch nur verschwommene Bilder meiner Spielzeugkamera). Zuletzt sah ich sie in den Achtzigern in einem Jugendzentrum in ihrer Heimatstadt Mönchengladbach. Vor dem Auftritt verkauften sie das Bier an der Theke und als das Konzert begann, wechselten sie einfach auf die Bühne mit den Worten "Hallo, wir sind die Thekencrew." Auch heute legen sie keinen Wert auf den Status als "Künstler", der durch Habitus und Werk von seinem Publikum getrennt ist. Deshalb singt der Frontmann ein komplettes Stück inmitten des tobenden Mosh Pits vor der Bühne - sie gehen eben dahin, wo's weh tut.
Das Schöne an Bands wie EA80 ist, dass sie Überlebende im besten Sinn sind - sie waren und sind einfach immer da, und das ist in Zeiten wie diesen schon ein Wert an sich. Deshalb sind sie noch lange keine Hardcore-Helmut Kohls. Punk im EA80-Verständnis ist zwar das neue Konservative, eine "Fickt euch!"-Demo gegen den neoliberalen Wahnsinn und ein verzweifelter Aufstand gegen die Einsamkeit des Einzelnen - aber das ist eben nicht reaktionär. Die leicht angegrauten Herren aus der Krachmacherstraße haben mehr Wut, Intelligenz, Witz und Energie als ganze Generationen von ach-so-harten Nachwuchsrappern. Sie haben etwas, was heute als unflexibel und stur angesehen wird: Eine klare Haltung. Und, noch schlimmer: Natürlich sind sie Idealisten. So kommt man nicht in die Charts, aber es ist schön zu sehen, wie 30 Jahre Integrität jung halten können.

Samstag, 26. November 2011

Essen Motor Show 2

Aber es ist ja nicht alles schlecht. Während die meisten Besucher der Messe in Essen wohl kommen, um einen neuen Plastikfrontspoiler für den abgerockten Golf 3 zu kaufen oder ein schickes Baumarkt-Tagfahrlicht zu erstehen, bin ich mal wieder anders als die anderen: Mich interessieren die Prollkarren und Geschmacksverirrungen wie LSD-Doors und FlipFlop-Lack nicht die Bohne. Auch die zum Zwecke der Verkaufsförderung engagierten, bedauernswerten leicht- bis gar nicht bekleideten Mädels, die von pickeligen, soeben volljährigen Bewohnern der höheren Regionen des Sauerlands angesabbert werden, lassen mich kalt. Stattdessen widme ich mich wieder mal dem Altblech, während in den diversen Messerestaurants Kirmes-Techno-meets-Hüttenzauber-Musik den Soundtrack liefert. 
Es gibt bessere Orte auf diesem Planeten, aber wie immer sollte man auch die Diamanten im Staub nicht übersehen:

Morris Cooper S, Gewinner der Monte 1967 (Replica?)

So sehen Helden aus!

Giant Killer.

Ich kenne Menschen, die tragen sowas als Tattoo.

Blower

Rod Understatement

Im Keller versteckt: General Lee.

Freitag, 25. November 2011

Essen Motor Show

Auf der Essen Motor Show könnte man den Eindruck bekommen, der Mann an sich sei gerade erst vom Baum geklettert - oder die Marketingexperten einiger Aussteller.

"Manchmal, aber nur manchmal, haben Typen wie du was in die Fresse verdient...." (Bela B. )

Mittwoch, 23. November 2011

Interview am See

"Ich bin 45 Jahre alt - und von so einer Analphabetin muß ich mir so einen Quatsch erzählen lassen!"

Für Kinski war das Wort "Arschloch" noch so eine Art Ehrentitel. Ich hätte ihn gerne mal gesehen, wie er die heutigen "Society"-TV-Magazine rockt.

Heute vor 20 Jahren ist er gestorben.

Freitag, 18. November 2011

Heute ist Weihnachten!

Ein Karton mit verräterischen Ausmaßen.

Der Zettel verheißt Gutes.

Bilderrätsel
Eine Gabel, aber nicht fürs Essen.
 
 
Summa cum laude!

The real thing: Pelizzoli Corsa GP.

Meine größten Erfolge

Ich kann ja nicht immer nur austeilen. Menschen aus meiner Heimatstadt sind erbost über meine wenig schmeichelhafte Beschreibung der kleinstädtischen Idylle daselbst - und sie haben selbstverständlich alles Recht dazu. Meine Betrachtungen entbehren nicht einer gewissen Subjektivtät, von Bosheit ist gar die Rede, und die Ausflucht, der Leser schaffe die Geschichte, nicht der Autor, gilt auch nur begrenzt und ausschließlich in Philosophieseminaren zur Postmoderne.


Nun sind wir hier im katholischen Rheinland und wenn ich auch vor Jahren einer qua Geburt verordneten Aberglaubensgemeinschaft entflohen bin, so will ich doch heute einen schönen alten Brauch aus den Reihen des Katholizismus für mich nutzen, um fürderhin umso heftiger als apodiktischer Apostel posieren zu können: Die Beichte.
So wie man in den Gotteshäusern am Sonntagmorgen die Verfehlungen des Samstags gesteht und den Rest der Woche dann in Frieden weiter sündigen darf, so will ich heute einige meiner pikanten Geheimnisse lüften, um eine Art Wiedergutmachung für mein stadtlästerliches Tun zu erwirken. Auf dass all die, die sich angesprochen fühlten, reinen Herzens sagen können: Ego te absolvo. Denn sehet, auch ich bin nicht ohne Fehl und Tadel - so wie die kleine Stadt!

1. Wie ich einmal einen prima Studentenjob hatte
Regel Nummer 1: Wenn Du Scheisse gebaut hast, sei demütig. Besonders gegenüber Deinem Chef. Es kommt NIE gut an, wenn Du gerade den flammneuen Firmen-Fiat Ducato auf der gesamten rechten Seite kaltverformt hast und souverän behauptest, die kleine Beule sei ganz fix wieder beseitigt. Selbiges wird nicht als Fachkenntnis angesehen, sondern als Grund, das Arbeitsverhältnis auf der Stelle zu beenden.

2. Ich kenne Gina Wild
Niemand gibt das gerne zu - und allein die Erwähnung dieses Namens wird meinem Blog zahlreiche neue Besucher bescheren, die hier eher nicht die Art von Entspannung suchen, wie sie Meckereien über Kleinstädte oder Produktbeschreibungen von dreißig Jahre alten Autos verheißen. Ich sag es trotzdem loud (but not proud): Ich kenne Gina Wild. Vor vielen Monden gab es, äh, berufliche Gründe für ein Zusammentreffen - und bevor sie nun das komplett Aber-sowas-von-Falsche denken und mich für eine Art Pornographiepapst halten, möchte ich Ihnen hastig und schwitzend versichern, dass diese Gründe nichts mit schmutzigen Dingen im Sinne der katholischen Sexualmoral zu tun hatten. Es war ganz anders und ich kann selbstverständlich alles erklären!

3. Ich habe getötet
Auch das gibt niemand gerne zu. Aber ich gestehe es hier ganz offen: Im letzten Jahr habe ich an einem lauschigen Spätsommerabend im fahlen Licht zweier Autoscheinwerfer einen veritablen Totschlag begangen. Das Opfer: Eine wunderschöne, herrlich anzuschauende, wahrscheinlich äußerst selten anzutreffende - Kröte. Keine normale Kröte hiesiger Dimension, nein, es war eine lombardische Kröte von den Ausmaßen eines Suppentellers. Sie fand ihr Ende an einem italienischen Berghang, über den zufällig auch mein Heimweg per Auto verlief. Als ich sie sah, war es bereits zu spät: Es gab ein wirklich hässliches, donnerndes PLOPP!, ich hielt an, begutachtete den Leichnam - und beging Fahrerflucht. Mehr noch: Ich beseitigte am folgenden Tag die Spuren an meinem linken Vorderreifen, der bei jeder weiteren Fahrt blutverklebt als rollende Anklage das Lied vom Tod gesungen hatte. Nachts erscheinen mir nun gelegentlich rachsüchtige Vertreter der amphibischen Gattung Bufonidae im Traum. Zufall?


4. Starker Abgang
Du verbringst die erste Nacht mit einer attraktiven Frau. Alles läuft nach Plan, die Stimmung ist angemessen romantisch, der Mond scheint und in der Ferne hörst Du den Gesang einer jungen Kröte, nein, Nachtigall. Dann passiert es: Eine falsche Bewegung, die Hitze des nächtlichen Tete-a-tete lässt Dich die Dimensionen des Bettes falsch einschätzen, Du verlierst den Halt und - ZACK! - fällst Du donnernd auf den extrem kühlen Laminatboden. Schwindel umgibt Dich, Du stotterst irgend etwas von Schwerkraft und verfluchst leise Dein Vestibularorgan im Innenohr, das es mit der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts heute nicht so genau nimmt. An weitere erotische Eskapaden ist in dieser Nacht jedenfalls nicht mehr zu denken.
Erregte Gemüter gibt es dennoch - aber nur bei den Nachbarn unter Dir.

5. Ich bin ein Verkehrsrowdy
Nicht nur Amphibien sollten sich vor mir und meinem Killer-Auto in Acht nehmen, ich bin beim Führen eines Kraftfahrzeugs allgemein eine Gefahr für die Allgemeinheit. Nein, ich gehöre nicht zu den Dränglern, Lichthupern oder Stinkefingern, aber dennoch bin ich nach Meinung der örtlichen Polizei brandgefährlich: Ich habe nämlich eine aufgeklebte Sonnenblende auf der Windschutzscheibe und keine Radkappen an meinem Käfer. Das reicht für Bußgeld und Nachschulung.
So geschehen in der kleinen Stadt, die ich so hassliebe, und deren Ordnungshüter im Jahre meines Führerscheinwerwerbs nichts Besseres zu tun hatten, als mich für mein dreistes Ignorieren der entsprechenden Paragraphen der Straßenverkehrszulassungsordnung nachhaltig auseinander zu nehmen. Und meinen Käfer gleich mit. Muß ja auch so sein - in der kleinen Stadt, die die Ursache für dieses Bekennerschreiben hier ist, gibt es ja auch viele positive Dinge. 

Law and Order steht dabei ganz oben auf der Liste.

Dienstag, 15. November 2011

Sonntag, 13. November 2011

Ludi incipiant.

Strategiespiele habe ich nie gemocht. Die Faszination nächtelangen "Risiko"-Spielens erschloss sich mir nie, ganz zu schweigen vom zweifelhaften pädagogischen Wert dieses Kinderimperialismus. "Spiel des Lebens", "Monopoly" - ich war stets verloren für diese in meinen Augen langatmige Simulation realer Gegebenheiten. Auch Schach war nie mein Ding. Ich dilettierte mit Springer, Läufer und Bauern fröhlich vor mich hin, um letztendlich meist in einem suizidalen Akt der Verzweiflung meine Dame dem gegnerischen und finalen Todesstoß auszusetzen. Der König folgte stets zwangsläufig kurz darauf.



Der Grund meiner Abneigung war simpel: Alle diese Spiele setzen eine Art Liebe zur Mathematik voraus, denn es geht immer um das Berechnen von Wahrscheinlichkeiten. Nun gehörte ich allerdings seit der siebten Klasse zu denjenigen, denen die wunderbare Welt der Zahlen stets eine Quelle allergrößter Verwirrung und - im Falle von Prüfungen, Klassenarbeiten, Tests - allergrößter Seelenpein war. Noch heute grausen mich Erinnerungen an Pythagoräische Sätze, mißratene Kurvendiskussionen und händeringende Mathematiklehrer wie die Phantomschmerzen eines Beinamputierten. Der Unterricht war für mich inhaltlich eine Qual. Dafür hatten Leidenskollege A. und ich, die offiziell zertifizierten Dyskalkulierer des Jahrhunderts (Abitur-Mathenote: Null Punkte), allerdings immer viel Spaß in der letzten Reihe, in Fachkreisen auch als Reihe der Verdammten bekannt.

Einer jungen Dame verdanke ich jetzt, nun ja, nicht gerade die Renaissance der Mathematik (Taschenrechner sind echt super!), aber die Wiederentdeckung des mathematischen Spiels als intellektuelle Fingerübung. Das Spiel der Könige hat mich wiedergefunden, auch wenn es ganz unköniglich in Gestalt eines Minimalschachbretts an meinem Küchentisch daherkommt. Was anfangs noch ein wenig widerstrebend von mir angegangen und immer mit dem Verweis auf neuzeitliche Ablenkungsmöglichkeiten a la Playstation versehen wurde ("Ich muß noch die Nordschleife bei Gran Turismo unter acht Minuten schaffen!"), hat mich nun doch noch in seinen Bann gezogen. Der eine oder andere wird meine neu entflammte Begeisterung milde lächelnd abtun (insbesondere die Karpov-Jünger und Freunde von Boris Wassiljewitsch Spasski  aus dem örtlichen Schachclub), aber damit kann ich leben. Wie immer geht es schließlich darum, die Dinge für sich zu entdecken.

Aber ich schweife ab. Die junge Dame jedenfalls ließ sich von elektronischen Alternativen nicht beirren und beharrte auf einer gepflegten Partie Schach bei Schokolade und Heißgetränken. Und siehe da: Nach zweieinhalb Stunden hatten wir immer noch nicht genug. Gut, ich habe mehrmals verloren, weil ich in einem suizidalen Akt der Verzweiflung meine Dame... aber das kennen sie ja schon! Dennoch: Ich bemühe mich um ein abgewogenes Vorgehen ohne Kuzschlusshandlungen - auch wenn es mir nicht immer gelingt. Muss mein Hang zur Show sein...

Sie möchten wissen, wer diese junge Dame ist? Voila: Sie ist Schachspielerin, Fußballfan, Laufwunder, Cellistin, Judoka, Triathletin, Schönheitskönigin und Expertin für angewandte Sozialkompetenzen. Sage mal einer, man könne von den jungen Leuten nix mehr lernen!

Mittwoch, 9. November 2011

Traumpaar


Der Sternenkreuzer ist so gut wie startklar - es fehlt nur noch ein Kat und der Stempel vom TÜV. In ein paar Tagen reisen wir los Richtung Coolsville! Der Opel blickt ein wenig neidisch, freut sich aber gleichzeitig, nicht der einzige Wagen mit Hepatitis-Augen im Stall zu sein. Irgend etwas muss bei meiner automobilen Sozialisation enorm schiefgelaufen sein, dass ich immer Karren mit Gelb drin fahren muß.

Dabei wähle ich nicht mal die FDP.

Dienstag, 8. November 2011

Misstraue der Idylle


Ein Ort wie aus einem Caspar David Friedrich-Gemälde. Bunte Herbstfarben, ein letztes Aufbäumen der Natur vor dem Grau und Schwarz des Winters. Die Sonne scheint, seit Tagen hat es nicht geregnet und das Laub raschelt unter den Schuhen. Drei Reiter im Gegenlicht auf einer Anhöhe vervollständigen das Bild der perfekten Idylle. Der Wald strahlt Kraft aus, Souveränität und Ruhe. 
Friedhofsruhe.

Denn dies ist der Ort eines Verbrechens. Genau an dieser Stelle erschoss ein Beschaffungskrimineller einen Ordnungshüter, der hilflos am Waldrand verblutete. Die Fahndung wurde schnell ausgeschrieben nach dem jungen, skrupellosen Täter, der für ein wenig Beute das Leben eines Familienvaters auslöschte. Er wurde bald gefunden - und wenige Monate später verurteilt zum Tod durch Enthaupten.

Das war 1846. Der Täter war ein Wilderer, der auf der Jagd von dem 36jährigen Förster Ferdinand Sonnenschein ertappt wurde. Statt sich zu ergeben, schoss Christian Becker auf den grün gekleideten Vertreter der Staatsmacht - und verwundete ihn tödlich. Das alles wäre längst vergessen, wäre da nicht der Gedenkstein für den Förster:

Er erinnert daran, dass nichts so ist wie es scheint. Nicht einmal der Wald.

Montag, 7. November 2011

Unverschämtheit: Uraltes Video mit Sonnenschein!


It breaks if you don't force it,
it breaks if you don't try.

Eine Erinnerung an sommerliche Wiesen und ein Plädoyer für Leichtigkeit. Draußen ist es nebelig-kühl und ein schwerer November droht mit Grauschleier. Da helfen nur die Editors, die in dieser Phase ihres Schaffens noch die Gitarren über die Elektronik stellten - wären sie mal dabei geblieben!

Samstag, 5. November 2011

Lob der Kleinstadt

Ich wurde hier geboren, um wegzugehen. Doch nun bin ich wieder da, seit einiger Zeit sogar schon. Es ist wohl das, was man Heimat nennt - wobei ich den Begriff während meiner Abwesenheit weiter zu ziehen gelernt habe: Heimat ist nicht eine Stadt, eine Straße, ein Ort; Heimat ist eine Illusion voller Menschen, Sprache, Gerüche, Eindrücken.

Die kleine Stadt hat Charme. Sie liegt umgeben von Grün im Speckgürtel einer Möchtegernmetropole. Hier können Kinder noch aufwachsen, hier werden sie nicht irgendwie mitgeschleppt zwischen Dreifachjob und Kindertagesstätte. Die wenigsten müssen hier drei Billiglohnjobs nachgehen, um über Wasser zu bleiben. Hier wohnen anständige Menschen  mit Jobs an aufgeräumten Schreibtischen oder im eigenen Betrieb. Freistehende Eigenheime gelten hier als Erfolgsmodell, nicht als Neurosengarantie. Erfolgreiche Mittelständler prägen das konservative Bewußtsein, und das schon seit Jahrzehnten. Sie schimpfen immer auf die gerade aktuelle Regierung, äußern sich manchmal rechtsradikal, hassen Tarifverträge und das Internet, fahren aber stets den neuesten BMW oder - meistens - Audi. Aber so langsam weht auch ihnen der kalte Hauch des entfesselten globalisierten Kapitalismus ins Gesicht und viele von ihnen mußten in den letzten Jahren aufgeben. Die kleine Stadt ändert ihr Gesicht: Karstadt ist weg, andere Konsumtempel der Vergangenheit liegen brach, die Ein-Euro-Läden und Gebrauchthandy-Höker nehmen zu. Früher bekam man alles, was man brauchte, in der - natürlich - Fußgängerzone mit ihren Kunst-am-Bau-Plastiken (Support Your Local Artist!). Heute muß man für eine Glühbirne zum Baumarkt ins Industriegebiet. Es gibt drei Aldis, zwei Lidl, aber kein vernünftiges Café.


Das Kneipenleben ist überschaubar - und an allen Tresen läuft immer dieselbe Musik. Punkrock, HipHop und Techno fanden hier nie statt. Die Stadt ist Rock City - man huldigt nach wie vor schwitzenden, weißen Männern an Gitarren, lobt den Blues (und vergisst, dass er den Schwarzen geklaut wurde) oder trauert psychedelischem Hippieschrott nach. Hier gibt es Musiker, die wirklich noch einen auf Bon Scott machen, ohne Ironie, nur mit Matte, Macho-Wiegeschritt und Cowboystiefeln.


Meine Generation übernimmt langsam das Ruder. Zumindest die, die immer hier waren und so quasi durch schlichtes Aushalten in die Positionen gewachsen sind, die ihnen nun erlauben, als Bestimmer tätig zu sein. So mancher, der nun im Rat sitzt, hat vor dreißig Jahren gegen den konservativen Mief rebelliert. Und die, die nicht im Rat sitzen, haben gemütliche Posten im Jugendamt, in der Ratsverwaltung, den Stadtwerken oder bei der Polizei. Oder sie haben einen Betrieb, der gelernt hat, mit der städtischen Bürokratie klarzukommen, in der die Schulhofbuddies von früher sitzen. So ist das eben - man kennt sich, man lebt miteinander.


Meine Generation ist in der kleinen Stadt zweigeteilt: Die, die immer hier waren - und die, die zurückkamen. Die einen haben einen latenten Minderwertigkeitskomplex, die anderen leiden daran, die Welt gesehen zu haben: If I hadn't seen the richness, I could live with being poor. Die erste Gruppe ist natürlich besser vernetzt, denn in all den bleiernen Jahren in der kleinen Stadt haben sich Freund- und Seilschaften herausgeschält, die privat und beruflich nützlich sein können. Die Spätheimkehrer, die so wie ich ihre Studien-, Wander- und Flegeljahre woanders verbracht haben, kommen meistens, weil sie nun selbst Familie haben, das freistehende Eigenheim der Eltern geerbt haben oder generell des aufreibenden Großstadtlebens müde sind. Sie sind es, die im Supermarkt die biologisch einwandfreien Lebensmittel kaufen, das Programmkino in der benachbarten Möchtegernmetropole dem hiesigen Blockbuster-Abspielkino vorziehen und von einem Kulturleben jenseits von Kirmes, Karnevalsverein und Stadtmarketing träumen.


In den Kneipen läuft nicht nur immer dieselbe Musik, es sind auch immer dieselben Leute da. Im X treffen sich die Blues- und Rockfans, meist männlich, meist ohne Abitur, aber mit Blondine zuhause (die sie jedes Wochenende betrügen) - und die anderen Blondinen. Gemeinsam lauschen sie drittklassigen Coverbands oder dem Bon-Scott-Darsteller. 
Das Y dagegen gilt als Hort des Intellekts: Hier versammelt sich das Strandgut der zwei örtlichen Gymnasien, gealtert zwar, aber in der festen Gewissheit, auf der Coolness-Bühne noch ein paar Jahre durchhalten zu können. Auch die Ex-Gymnasiasten betrügen ihre Ex-Realschülerinnen-Ehefrauen jedes Wochenende mit anderen Ex-Realschülerinnen. 
Das Z ist dann die Resterampe eines jeden Wochenendes: Es ist ein Nachtclub alter Schule, ein verrufener Schuppen, ein Etablissement, von denen meine Eltern stets nur quasi mit spitzen Fingern erzählten - Absturzort für alle, die an einem Samstagabend noch keine Knutscherei ergaunern konnten oder die weit nach Mitternacht noch auf der Suche nach sexuellen Ausschweifungen sind. Hier zeigt sich die kleine Stadt in ihrer ganzen Bigotterie, hier sind sie alle versammelt als Sklaven ihrer Hormone und unterdrückten Leidenschaften: Der Baumarktmitarbeiter, der mittlere Angestellte, die Blondine und die Ex-Realschülerin.

So geht das hier, niemand findet etwas dabei, oder, wie ein Freund neulich meinte: "Hier waren sie alle schon mal miteinander im Bett und jeder kennt jeden." Er stammt auch von hier, lebt nun ganz woanders und macht mir gegenüber manchmal hämische Bemerkungen über die kleine Stadt. Meistens hat er Recht.

Ich wohne übrigens gerne hier - einer muss es ja tun.

Nachtrag: "I was born in this town. Lived here my whole life..." Big Black haben das Thema 1986 auf ganz eigene Art beschrieben - mit einer radikalen Lösung: "Kerosene".

Donnerstag, 3. November 2011

Ach, Luise!

Juchtenlederbraunes Haar und Romanbeine: 1933 wußte man noch, wie man Liebeslieder schreibt.

Die Poesie der Zahlen

Auf der Fahrt ins Blaue purzeln die Zahlen!
Vorher:


Nachher:


Richtig, Herrschaften, der fast 40 Jahre alte Kraftwagen vom Typ Opel Ascona hat sich soeben in das 16. Dezenium seiner Motorenexistenz katapultiert. Darauf eine Literdose 15W40!

Dienstag, 1. November 2011

Der hässliche Herbst


Ich bin ja kein Herbstfreund. Deshalb hier zehn Gründe, warum diese Jahreszeit ersatzlos gestrichen werden sollte:

1. Nach dem Herbst kommt der Winter. 
Der eine ist RTL Exclusiv und der andere RTL Explosiv unter den Jahreszeiten.

2. Die Mitteleuropäische Sommerzeit endet.  
Warum schlafe ich angeblich eine Stunde länger, kämpfe dann aber tagelang gegen Müdigkeit?

3. Winterreifen aufziehen. 
Selbstredend eigenhändig. Eine Frage der Ehre. Und weil ich es wieder verpeilt habe, rechtzeitig einen Termin beim Reifendienst zu organisieren, der jetzt schon bis Anfang März ausgebucht ist.

4. Nasses Laub. 
Ja, ich mag Schuhe mit Ledersohlen. Noch Fragen?

5. Weihnachten in den Läden. 
Warum muss uns der Einzelhandel schon Monate vorher an Familienkräche, brennende Bäume und fettes Essen erinnern?

6. Melancholie. 
Bei iTunes den kompletten Back-Katalog der frühen Phase von The Cure aufzukaufen - das passiert nur im Herbst.

7. Halloween. 
Der Valentinstag unter den Kinderfesten - erfunden von profitgierigen US-Konzernen, die ein gewaltverherrlichendes Fest ("Süsses oder Saures!") zum kaufbaren Kult erklären und verheerende Folgen in Kindergärten und -zimmern anrichten. Imperialisten-Karneval.

8. Feiertage.
Gut, an einem 1. November hatte ich erste erotische Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht, aber abgesehen davon war und ist dieser Tag das Gegenteil eines Anti-Depressivums. Wird nur noch getoppt vom Volkstrauertag - aber der ist wenigstens sonntags, da fällt das nicht so auf.

9. Laubbläser.
RRÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄNNNNGGGGG! Gestern gesehen: Ein Laubbläserbetreiber, der bei laufendem (!) Gerät telefonierte. Die Dinger sind schlimmer als getunte Roller von 16jährigen oder tiefer gelegte 3er BMW mit Bassbox statt Rücksitzbank.

10. Heizung und Kunstlicht.
Wir erinnern uns wehmütig an lange Abende auf dem Balkon, Radtouren nach 20 Uhr und knapp geschnittene Damenoberbekleidung. Jetzt drohen nur noch trockene Augen und Gefrierbrand.


P.S.: Wenn die Industrie ihre Versprechungen aus den 60er Jahren gehalten hätte, wären wir mit der Technologie des Einfrierens menschlicher Körper längst viel weiter - und ich würde mich im Frühjahr auftauen lassen wie ein Stangeneis.