Donnerstag, 27. Oktober 2011

Protestsongs

Der nette Herr Freddie gab 1966 ein nettes Liedchen zum Besten und hatte damit großen Erfolg bei den Bewohnern des Blauen Bocks und anderen heimeligen Refugien des Spießertums:


Das, was sich hier als höfliches Statement der sogenannten schweigenden Mehrheit (Wir!) verkleidete, war in Wahrheit natürlich alles, wogegen die "Gammler" und der Rest der Jugend in den Sechzigern rebellierte: Die unendliche Selbstzufriedenheit der "Keine Experimente"-Generation mit ihrer militanten Mittelmäßigkeit, die spürte, dass ihr ganzer Wohlstand auf einem Weltkrieg mit 55 Millionen Toten aufgebaut war. Ihr vergiftetes Gesprächsangebot, das nur dazu dienen sollte, die Jugend wieder auf Linie, an die Werkbank und den Büroschreibtisch zu bekommen. Ihre panische Angst vor der Freiheit der Liebe, Musik und Drogen. Und die verklemmt-autoritären Ansprüche an die eigene Brut, gefälligst alles abzunicken, was "die da oben" ihnen vorsetzten. Das Ganze gipfelt dann in den Stammtischparolen, die sich mit der Haarpracht beschäftigen:

Wer will nochmal mit euch offen sprechen? WIR!
Wer hat natürlich auch seine Schwächen? WIR!
Wer hat sogar so ähnliche Maschen,
auch lange Haare, nur sind sie gewaschen? WIR! WIR! WIR!

Drüben, beim Großen Bruder übern Teich, zog Merle Haggard zwei Jahre später nach:


Auch er artikulierte die Gedanken der vermeintlich "echten" Amerikaner, die immer noch ehrfurchtsvoll die Fahne hissten und schüchtern Händchen hielten statt ihre Armee-Soldbücher zu verbrennen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. "Okee from Muskogee" war ebenso wie "Wir" eine subtile Drohung an die Outlaws und Zweifler, es nicht zu weit zu treiben - die Gesellschaft hatte Mittel und Wege, den Querulanten Benehmen beizubringen. Zur Not mit Gewalt: Tote Studenten, ein toter Martin Luther King und ein toter Bobby Kennedy legten davon Zeugnis ab.

Warum ich das alles erzähle? Weil wir uns nicht der Illusion ergeben sollten, die schweigende Mehrheit sei verschwunden. Es gibt sie immer noch, nicht nur an bayrischen Stammtischen, sondern auch in den schicken Vorortsiedlungen mit den Designervillen. Heute kümmert sie sich nicht mehr um Gammler.

Die Rolle des gefährlichen Anderen übernehmen jetzt wahlweise Migranten, Hartz4-Empfänger oder der griechische Staat mit seinen Anleihen.

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