Montag, 4. Juli 2011

Touristen sind immer die anderen



Meine beruflichen Verpflichtungen hier in Berlin halten sich noch in Grenzen und so bleibt Zeit für ausgedehnte Wanderungen durch die urbane Landschaft. Das Problem ist allerdings: Ich bin nicht allein. Die Stadt quillt über vor Touristen und der nicht gerade für seinen Langmut bekannte Berliner leidet darunter doch arg. Ungleiche Verbündete tun sich zusammen, denn Kreuzberger Rotfront/Schwarzer Block und die Charlottenburger Spießer schimpfen im ideologischen Gleichklang auf die menschliche Lawine junger, erlebnishungriger Anglo-Amerikaner, Russen, Polen und Japaner.

Ich nehme mich ja aus, schließlich bin ich nicht im Hostel abgestiegen und beim Trinkgeld stets knickrig. Ich versaue also nicht langfristig die Mietpreise oder beleidige Kneipenpersonal mit exorbitanten Beträgen, weil der Dollar gerade so günstig steht. Und ich leide mit den Berlinern, denn pickelige bayerische Dorfgangs in Lederhosen, die in der S-Bahn zotige Lieder in Mundart zum Besten geben, treiben auch mich an die Toleranzgrenze. Warum bleiben sie nicht in Passau, Ruhpolding oder Bayreuth und pflegen dort ihre schrulligen Brauchtums-Verirrungen? So haben sie einen ganzen Waggon gegen sich aufgebracht und nur die Coolness der anwesenden schwäbischen Soziologiestudenten, die gerade "ein echt duftes Projekt in Mitte am laufen haben", verhinderte einen Volksaufstand zwischen den Stationen Bahnhof Zoo und Charlottenburg.

Aber es gibt auch Positives zu vermelden: Über dunkle Kanäle und lokale Seilschaften erhielt ich Kenntnis von einem Fahrradguru, der mitunter apokryphe Teile in seinem Sortiment hat von der Art, wie sie heute gar nicht mehr gebaut wird. Das Ergebnis:



Die Sattelstütze kostete genau soviel wie vor 18 Jahren - diesmal aber nicht in DM, sondern Euro. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von einem Gebrauchtteil. Aber was tut man nicht alles für schöne Dinge und nach einigen Feilschen zog ich glücklich ab. Das Fahrradpuzzle treibt mich also inzwischen durch die ganze Republik.

Kommentare:

  1. Sehr schön da in Berlin!

    Ich habe das RSS abonniert und vernehme deine Drahtesel-Pläne mit Luchsohren. Ich könnte da auch einen Kontakt zu einem Fahrradrestaurateur hier in Köln herstellen, wenn du magst. Da würde ich aber vorher nochmal nachfragen, was genau er denn so treibt.

    Es grüßt

    dein Editor, der Thorsten

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  2. Herr Thorsten,
    danke für den Tipp. Wie es der Zufall will, sitzt der Mensch, der mir beim Zusammenbau des Bikes behilflich sein wird, in Sülz. Ich war in der Gegend und sah in einem stinknormalen Fahrradladen eine alte Campa-Gruppe im Schaufenster - zur Deko. Der Mensch hinter der Theke entpuppte sich als Fahrradkenner der alten Schule und so gab ein Wort das andere. Ach ja, er fährt übrigens auch einen alten Opel... Ich habe also keine andere Wahl!

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