Sonntag, 17. Juli 2011

The Return Of Filterkaffee



These: Früher war der soziale Status am Automodell ablesbar. Damals, als Klementine noch wusch und der Samstagnachmittag mit Kurt Brumme verbracht wurde. Der Opel Rekord in der Berlina-Ausführung mit Velourspolstern stand über dem VW Golf L mit Spar-Interieur, aber unter dem Mercedes W123 230 (klassisches Bürgermobil, nur die Handwerksemporkömmlinge fuhren den 200 D mit Agrarhaken). Die Kinder mit adidas Samba an den Füßen waren in der Schulhof-Hackordnung höher stehend als solche mit Puma Winner (29,90 DeEmm!), und als die ersten Austauschschüler mit Nike an den Füßen aus den US of A kamen, beteten wir sie an. Die Schuhe. Und vorzugsweise ihre Trägerinnen.

Heute haben andere Gegenstände den Platz dieser Statussymbole eingenommen. Bei den Kids ist es das Handy (vorzugsweise :iPhone), bei den Eltern die Küche. Ich kenne Menschen mit großer Designerküche, Granitplatten, Dampfgarer (ganz wichtig!) und futuristischem Induktionsherd, die den ganzen technischen Klumpatsch nur benutzen, um eine Dose zu erwärmen. Es geht nicht um den realen Nutzwert, sondern um den Sieg im Coolness-Wettlauf der Küchensysteme. Wichtiger Indikator: Der Kaufpreis. Zum Gegenwert eines Kleinwagens mit Vollausstattung wird heute carrarat, designert und granitet, was das Zeug hält. Hauptsache, die Nachbarn sind beeindruckt.

Ähnliches gilt für die Kaffeemaschine. Der Siegszug der Espresso-, Cappuchino- und sonstwas-Maschinen ist unaufhaltsam. Zu meinem Bedauern haben selbst urdeutsche Kaffeeklatscher und -innen auf italienische oder schweizer Caféautomaten umgerüstet. Zu horrenden Preisen selbstredend (Status!) und immer in der Hoffnung, die angeblich typisch südländische Art des Cafègenusses färbe auf den Besitzer der zischenden, dampfenden und mit unzähligen Bakterien verseuchten Milchschaum-Beschleuniger ab.

Was natürlich nicht funktioniert, denn wahre Kaffeekultur kommt immer aus Ländern, in denen bleiche Intellektuelle bei regnerischem Wetter in Literatencafés die nächste Weltrevolution planen oder den Suizid als letzte Kunstform predigen. Brüssel, Prag, Wien, Zürich. Der bittere Trank aus den chromblitzenden Lifestylewasserkochern von heute läßt in mir jedenfalls regelmäßig den Wunsch nach dem guten alten Filterkaffee aufkommen. Die historische Rolle des braunen Bräus ist nämlich unbestritten, nicht umsonst haben wir auch die Dissidenten der DDR mit Westkaffee versorgt und nicht mit Espresso. Wer weiß, vielleicht verdanken wir den Fall der Mauer auch so mancher durchwachten Nacht mit Jacobs Krönung und politischen Diskussionen?

Wie dem auch sei, ich rufe hiermit offiziell das Revival des Bohnenkaffees aus - seine perfekte Zubereitung ist mindestens so eine Kunst wie die des guten Cappuchino und all das schamanenhafte Herumgetue um Espresso und Co. kann mir gestohlen bleiben. Man sollte aber das richtige Gerät benutzen:

5 Jahre Garantie, perfekter Geschmack, heiß wie eine, äh, Frikandel - das Ding stammt aus Holland. Der Holländer ist ja bekanntlich der Italiener der Nordsee.

Kommentare:

  1. Eine gute Sache, das. Zumal sich diese modernen Vollautomaten zuweilen als extrem wartungsintensiv herausstellen.

    Ich hingegen bin vor einiger Zeit auf Omas Keramikfilter umgestiegen und brühe "von Hand".

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  2. Nice stuff, Mr Wilson, wonderful fun with the German language! But I am glad that the texts I have to translate daily for motorvision.com are less challenging.

    I encountered German filter coffee for the first time in 1972, when I worked as a 'breafast butler'in a very exclusive B&B in Kampen on Sylt. Darboven... yes. And in my first flat in Germany later that year a device manufactured by Braun was to be found in my kitchenette.

    Since then there have been several versions of the Brau machine in several flats in several cities and countries. And my coffee brand changed to Dallmeyer.

    A couple of years ago I inherited (literally, from my late father-in-law)one of those chic Nespresso contraptions but gave up on it after a few weeks. It was but a fleeting infidelity...

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  3. @bosch: So einen Filter habe ich auch noch. Von Hand brühen ist selbstredend die Königsklasse! Das spare ich mir aber für hohe kirchliche Feiertage auf.
    @ Macthomson: Braun is always a good choice - or so I thought. I was contemplating to buy a very stylish Braun toaster the other day and discovered that the users/buyers on Amazon were complaining bitterly about the horrible quality of said item.
    Thumbs up for your choice of local coffee, great taste.

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  4. Heute erst bin ich auf diesen interessanten Blog getroffen.
    Und lese mich so durch.
    Aber dieser Eintrag lies mich besonders schmunzeln.
    Wegen der Turnschuh.
    Kommt mir so bekannt vor.
    ;-)
    Grüße aus Do
    claudia

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