Sonntag, 24. Juli 2011

Der Sommer ohne Eigenschaften

Das Glück ist immer woanders

 "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordentlichen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Als Robert Musil diese präzisen Anfangssätze von "Der Mann ohne Eigenschaften" schrieb, war die meteorologische Welt noch in Ordnung. Er konnte sich beruhigt daran machen, Weltliteratur zu schaffen, denn auf eines war trotz aller anderen Widrigkeiten (Untergang von Kakanien, Revolution, Inflation) Verlaß: Auf den Sommer.

Heute hätte er wohl Schwierigkeiten, seine ebenso sprachverliebten wie hochgenauen Sätze zu formulieren - ich blicke seit Tagen auf eine graue Wüstenei aus Regenschleiern und Kältemauern. Ist es die Rache für den tropischen April? Ist es das Ozonloch? Der Taliban?

Ich weiß nur: Mit Sommern wie diesen wird es das 21. Jahrhundert schwer haben, einen neuen Jahrhundertroman wie den MoE zu erzwingen.

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