Montag, 25. Juli 2011

Aus der Wirtschaftswelt



Nächsten Dienstag gehen die Lichter aus. zdf.heute titelt bereits "Ist die Welt bald pleite?", dabei geht es doch nur um die Schuldenkrise in den USA: Bis zum 2. August müssen sich dort Präsident und Opposition auf einen Plan geeinigt haben, wie sie den angeblichen Staatsbankrott abwenden wollen.

Staaten gehen natürlich nicht pleite. Im Gegensatz zum Privatmann haben sie schließlich alle Mittel an der Hand, den Offenbarungseid abzuwenden, sei es via Steuerpolitik oder zur Not eben, indem sie die Notenpresse im Keller noch stärker anwerfen. Das hat zwar Folgen - möglicherweise unangenehme -, aber ein Bankrott gehört nicht dazu. Er ist im System nicht vorgesehen und deshalb wird es ihn nie geben.

Nun habe ich von Wirtschaft soviel Ahnung wie Lothar Matthäus von Frauen, aber einige Fragen stellen sich mir doch. Warum sind die USA die unangefochtenen Spitzenreiter bei den Rüstungsausgaben (700 Milliarden Dollar waren es 2010), wenn sie doch angeblich ihre Schulden nicht bezahlen können? Warum verkauft der Chef eines der größten Investmentfonds seine US-Staatspapiere mit der dezidierten Begründung, die Sozialausgaben des Landes seien zu hoch und entwerteten die Anleihen? Zwei Fakten, die sämtliche Widersprüche in diesem Thema auf den Punkt bringen. Darüber sollten wir vielleicht reden - nicht darüber, ob die Welt pleite ist.

Ein paar Millionen Menschen in den Dürregebieten Ostafrikas interessiert das nämlich gerade einen Scheißdreck.

Sonntag, 24. Juli 2011

Der Sommer ohne Eigenschaften

Das Glück ist immer woanders

 "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordentlichen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Als Robert Musil diese präzisen Anfangssätze von "Der Mann ohne Eigenschaften" schrieb, war die meteorologische Welt noch in Ordnung. Er konnte sich beruhigt daran machen, Weltliteratur zu schaffen, denn auf eines war trotz aller anderen Widrigkeiten (Untergang von Kakanien, Revolution, Inflation) Verlaß: Auf den Sommer.

Heute hätte er wohl Schwierigkeiten, seine ebenso sprachverliebten wie hochgenauen Sätze zu formulieren - ich blicke seit Tagen auf eine graue Wüstenei aus Regenschleiern und Kältemauern. Ist es die Rache für den tropischen April? Ist es das Ozonloch? Der Taliban?

Ich weiß nur: Mit Sommern wie diesen wird es das 21. Jahrhundert schwer haben, einen neuen Jahrhundertroman wie den MoE zu erzwingen.

Sonntagssong

Ohne besonderen Anlaß: Eine Erinnerung daran, mit der Erfüllung von Träumen nicht allzu lange zu warten. 
Von einem, der das immer wußte.

Sonntag, 17. Juli 2011

Aus aktuellem Anlaß


Die Suche nach dem Sinn des Lebens führte mich an die ungewöhnlichsten Orte.

Eifel Rallye Festival

Audi Quattro S1: The Sound Of Young Ingolstadt

Morris Cooper S

Opel Manta 400

 Tulpen-Ferrari

Ford Escort Mk 1

Böse Flunder

Flower und Power

Austin 6R4

The Return Of Filterkaffee



These: Früher war der soziale Status am Automodell ablesbar. Damals, als Klementine noch wusch und der Samstagnachmittag mit Kurt Brumme verbracht wurde. Der Opel Rekord in der Berlina-Ausführung mit Velourspolstern stand über dem VW Golf L mit Spar-Interieur, aber unter dem Mercedes W123 230 (klassisches Bürgermobil, nur die Handwerksemporkömmlinge fuhren den 200 D mit Agrarhaken). Die Kinder mit adidas Samba an den Füßen waren in der Schulhof-Hackordnung höher stehend als solche mit Puma Winner (29,90 DeEmm!), und als die ersten Austauschschüler mit Nike an den Füßen aus den US of A kamen, beteten wir sie an. Die Schuhe. Und vorzugsweise ihre Trägerinnen.

Heute haben andere Gegenstände den Platz dieser Statussymbole eingenommen. Bei den Kids ist es das Handy (vorzugsweise :iPhone), bei den Eltern die Küche. Ich kenne Menschen mit großer Designerküche, Granitplatten, Dampfgarer (ganz wichtig!) und futuristischem Induktionsherd, die den ganzen technischen Klumpatsch nur benutzen, um eine Dose zu erwärmen. Es geht nicht um den realen Nutzwert, sondern um den Sieg im Coolness-Wettlauf der Küchensysteme. Wichtiger Indikator: Der Kaufpreis. Zum Gegenwert eines Kleinwagens mit Vollausstattung wird heute carrarat, designert und granitet, was das Zeug hält. Hauptsache, die Nachbarn sind beeindruckt.

Ähnliches gilt für die Kaffeemaschine. Der Siegszug der Espresso-, Cappuchino- und sonstwas-Maschinen ist unaufhaltsam. Zu meinem Bedauern haben selbst urdeutsche Kaffeeklatscher und -innen auf italienische oder schweizer Caféautomaten umgerüstet. Zu horrenden Preisen selbstredend (Status!) und immer in der Hoffnung, die angeblich typisch südländische Art des Cafègenusses färbe auf den Besitzer der zischenden, dampfenden und mit unzähligen Bakterien verseuchten Milchschaum-Beschleuniger ab.

Was natürlich nicht funktioniert, denn wahre Kaffeekultur kommt immer aus Ländern, in denen bleiche Intellektuelle bei regnerischem Wetter in Literatencafés die nächste Weltrevolution planen oder den Suizid als letzte Kunstform predigen. Brüssel, Prag, Wien, Zürich. Der bittere Trank aus den chromblitzenden Lifestylewasserkochern von heute läßt in mir jedenfalls regelmäßig den Wunsch nach dem guten alten Filterkaffee aufkommen. Die historische Rolle des braunen Bräus ist nämlich unbestritten, nicht umsonst haben wir auch die Dissidenten der DDR mit Westkaffee versorgt und nicht mit Espresso. Wer weiß, vielleicht verdanken wir den Fall der Mauer auch so mancher durchwachten Nacht mit Jacobs Krönung und politischen Diskussionen?

Wie dem auch sei, ich rufe hiermit offiziell das Revival des Bohnenkaffees aus - seine perfekte Zubereitung ist mindestens so eine Kunst wie die des guten Cappuchino und all das schamanenhafte Herumgetue um Espresso und Co. kann mir gestohlen bleiben. Man sollte aber das richtige Gerät benutzen:

5 Jahre Garantie, perfekter Geschmack, heiß wie eine, äh, Frikandel - das Ding stammt aus Holland. Der Holländer ist ja bekanntlich der Italiener der Nordsee.

Ja, mein Herr.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Termine, Termine

Liebe Stammkunden und Zufallsbekanntschaften, im Moment lassen mir Verpflichtungen nicht allzu viel Zeit, in dieses Füllhorn neue Worthülsenfrüchte einzuwerfen. Ich habe lange Tage und noch längere Nächte. Deshalb: Geduld!

Sonntag, 10. Juli 2011

Rübergemacht



Ich habe die Berliner Republik als Republikflüchtling hinter mir gelassen und bin nach einer entspannten und äußerst zügigen Linke-Spur-Autobahnfahrt wieder im Mutterland des rheinischen Kapitalismus angekommen. Die kleine Stadt lockt mit fremdländischen Aktivitäten beim Fest der Völker (Chorizo! Vino Verde! Pasta! Estrella-Bier!) und im Vergleich zur Ost-Metropole kommt die hier praktizierte Variante des Multikulti natürlich etwas popelig daher. Aber das ist mir recht, denn schließlich bringt diese kleinstädtische Folklorenummer auch keine Sidos und Bushidos hervor - "und das ist auch gut so!" (Klaus Wowereit).

Berlin: Große, bleiche Mutter, häßlich, narbig, bunt, laut, prätentiös. Soll so sein, muß so bleiben. "I'll be back!".(Arnold Schwarzenegger)

Donnerstag, 7. Juli 2011

Urban Studies

Den Mädelseingang habe ich nicht gefunden.


J.W. von Goethe und F. Schiller in fremden Gestaden



Kämpfend untergehen

Blinder Hass (sic!) auf Sehbehinderte

Die letzte rote Fahne der DDR findet seit 1991 Verwendung als Markise.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Nachtrag

Instant Symbolfoto, just add sunshine!
Menschen mit Wohnsitz in dieser Stadt tadeln mich ob meiner gestrigen galligen Äußerungen über ihre Lieblingsmetropole. Ich gelobe Besserung, streng nach dem Motto "Immer das Positive sehen".

Also denn: Wenn man in einer Stadt trotz drohendem langem Arbeitstag bis 1 Uhr draußen an einem Kanal versackt, kann nicht alles schlecht sein. Das Nachtleben ist akzeptabel. Die Tagliatelle waren hervorragend, das schmackhafte Bier aus dem Allgäu ebenfalls. Übrigens: In Berlin läuft zur Zeit der inoffizielle Biertrinker-Hipness-Wettbewerb: Wer das obskurste und in geringsten Mengen von blinden Mönchen in limitierten Mengen abgefüllte Bier trinkt, gewinnt. Gut, die S-Bahn fuhr dann nicht mehr, aber der Taxifahrer war recht freundlich. Ein Zugezogener.

Heute schien immer noch die Sonne. Dann geht's also.

Dienstag, 5. Juli 2011

Die Motz-Metropole



Über die ablehnende Haltung der Berliner Einwohner gegenüber Touristen habe ich ja bereits berichtet. Je länger ich über dieses Thema nachdenke, desto bornierter kommt mir die hier praktizierte Verweigerungshaltung allerdings vor - und das hat nichts damit zu tun, dass ich selber gerade ein Tourist bin.

Es ist doch bemerkenswert, dass ausgerechnet die sogenannte Weltstadt ihre Gäste mit Häme und Hass ("Berlin don't love you" schallt es von zahlreichen Aufklebern und ein T-Shirt verkündet: "Welcome to Berlin! Now go home!") bedenkt. Da haben sie jahrzehntelang alles getan, damit die Welt ihre Aufmerksamkeit dem antikommunistischen Bollwerk in der Wüstenei des Sozialismus schenkt ("Ihr Völker der Welt, seht auf diese Stadt!" Ernst Reuter) - und jetzt erdreistet sich die Welt, zu Besuch zu kommen und wird als Invasion von Idioten verunglimpft (reale Idioten sind natürlich auch dabei, siehe gestern). Selbst die linke Szene, die jede Woche Solikampagnen für Pelztierzüchter in Botswana fährt und den Internationalismus hochhält, verkrampft beim Anblick exogener Rucksackträger und keift was von Profitgeilheit und Konsumfetischismus. Die schwarzroten Kreuzberger Schrebergärtner achten halt auf das Einhalten ihrer Vereinssatzung.

Das alles ist nur ein Symptom für die altbekannte Motzigkeit dieser Stadt. Die Wilmersdorfer motzen über die Kreuzberger, der Autonome über die Bullen, der Ossi über den Wessi, das Schon-Wieder-New-Economy-Prekariat über Menschen, die Geld jenseits von Laptops verdienen und der ganze Haufen über die Touris. Dabei lassen diese Touristen eine Stange Geld im hiesigen Subventionsstadl, auch wenn sie über das Wetter motzen. Und jetzt fängt auch noch die bread&butter an und alle können über das bulimische Modepack herziehen. Die Anzahl bohnenstangiger junger Frauen in Mitte hat sich in den letzten Tagen jedenfalls spürbar erhöht.

Mit anderen Worten: Das hier ist keine Weltstadt, nicht mal eine anständige Hauptstadt, sondern eine kleinbürgerliche Motzbaracke. Heute schien wenigstens die Sonne, da läßt es sich leben.

Montag, 4. Juli 2011

Touristen sind immer die anderen



Meine beruflichen Verpflichtungen hier in Berlin halten sich noch in Grenzen und so bleibt Zeit für ausgedehnte Wanderungen durch die urbane Landschaft. Das Problem ist allerdings: Ich bin nicht allein. Die Stadt quillt über vor Touristen und der nicht gerade für seinen Langmut bekannte Berliner leidet darunter doch arg. Ungleiche Verbündete tun sich zusammen, denn Kreuzberger Rotfront/Schwarzer Block und die Charlottenburger Spießer schimpfen im ideologischen Gleichklang auf die menschliche Lawine junger, erlebnishungriger Anglo-Amerikaner, Russen, Polen und Japaner.

Ich nehme mich ja aus, schließlich bin ich nicht im Hostel abgestiegen und beim Trinkgeld stets knickrig. Ich versaue also nicht langfristig die Mietpreise oder beleidige Kneipenpersonal mit exorbitanten Beträgen, weil der Dollar gerade so günstig steht. Und ich leide mit den Berlinern, denn pickelige bayerische Dorfgangs in Lederhosen, die in der S-Bahn zotige Lieder in Mundart zum Besten geben, treiben auch mich an die Toleranzgrenze. Warum bleiben sie nicht in Passau, Ruhpolding oder Bayreuth und pflegen dort ihre schrulligen Brauchtums-Verirrungen? So haben sie einen ganzen Waggon gegen sich aufgebracht und nur die Coolness der anwesenden schwäbischen Soziologiestudenten, die gerade "ein echt duftes Projekt in Mitte am laufen haben", verhinderte einen Volksaufstand zwischen den Stationen Bahnhof Zoo und Charlottenburg.

Aber es gibt auch Positives zu vermelden: Über dunkle Kanäle und lokale Seilschaften erhielt ich Kenntnis von einem Fahrradguru, der mitunter apokryphe Teile in seinem Sortiment hat von der Art, wie sie heute gar nicht mehr gebaut wird. Das Ergebnis:



Die Sattelstütze kostete genau soviel wie vor 18 Jahren - diesmal aber nicht in DM, sondern Euro. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von einem Gebrauchtteil. Aber was tut man nicht alles für schöne Dinge und nach einigen Feilschen zog ich glücklich ab. Das Fahrradpuzzle treibt mich also inzwischen durch die ganze Republik.

Road To Nowhere, Teil 2


Tag 2: Der Westen leuchtet



Wie einst die sieg- und ruhmreiche Rote Armee nähere ich mich der Reichshauptstadt von Osten über den Autobahnring. Wandlitz, Pankow, Prenzlberg. Der Ostteil begrüßt den Reisenden immer noch mit Plattenbaukaskaden als Ausweis sozialistischer Bau-Potenz. Kenner der Materie versichern mir, der Berlin-Mitte-Hype sei vorbei und nur noch etwas für schwäbische Flüchtlinge. Und die sind hier genauso verhasst wie die australischen Backpacker auf ihrem Ballermann-Berlin-Trip. Ich bin froh: Mein Nachtlager liegt im Westen, mondän um die Ecke vom Kudamm.



Ich werde nicht enttäuscht: Das Hotel ist im besten 80er-Jahre-Harald-Juhnke-Frontstadt-Plüsch gestaltet und verwöhnt den solventen Gast mit einer 24h-Bar, Plattencovern an den Wänden, kostenlosem Parkplatz und ebensolchem WLAN auf den Zimmern. Im Osten wollten sie mir für eine Viertelstunde Netzzugang 5 Euronen abknöpfen, aber dort regiert ja bekanntlich auch die Angst vor dem Weltmännischen im www. Die chinesische Lösung.

Kreuzberg, erste Station. In der U-Bahn: Ein russischer Gitarrist, der absolut nicht singen kann und alle Passagiere gnadenlos vergrätzt. Er wird abgelöst von einer religiösen Fanatikerin der Vereinigung "Juden für Jesus" (so verkündet es ihr T-Shirt), die diesen Zug der Verdammnis kurz vor der Endstation Hölle noch auf den rechten Weg bringen will. Kurz darauf: Die ortsüblichen Obdachlosen mit bettelndem Singsang. Auf der Oranienstraße höre ich hinter mir plötzlich "Verpiss Dich, Du dreckiges Rassistenschwein! Ich hau Dir eine rein, grmmblf!" und sehe eine junge Frau, die nur knapp drei Meter hinter mir geht. Sie meint das nicht persönlich, sie redet nur mit sich selbst. Berlin ist ein Magnet für die Travis Bickle-Epigonen des 21.Jahrhunderts und das gilt wahrscheinlich auch für die Insassen von Reichstag und Kanzleramt. 

Ein Döner muss her, der Hunger meldet sich vehement. Döner bestehen aus gegrillten Touristen und gehören zum Berlinbesuch wie der Autonome zum 1.Mai. Der freundliche Türke fragt mich, ob ich das Gericht scharf geniessen möchte und ich bejahe. Beim Essen bin ich enttäuscht, unter "scharf" verstehe ich etwas anderes. Da, wo ich herkomme, bedeutet "scharf", dass man den Laden mit stark gerötetem Antlitz und unter heftigem Transpirieren verlässt. Berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Wahrscheinlich hat er mir die Weichei-Variante zubereitet, weil die letzte Körperverletzungs-Sammelklage US-amerikanischer Touristen noch nicht ausgestanden ist.

Sonntag, 3. Juli 2011

Road To Nowhere, Teil1

Hallo da draußen an den Empfangsgeräten. Meine Netzphobie hat nicht lange angehalten, daher hier nun in lockerer Folge subjektive Maßlosigkeiten und tendenziöse Eindrücke meiner Reise an die Grenzen. Von was auch immer.

Tag 1: Die Arbeiter- und Bauernstadt



Am Ortseingang ein großes Hinweisschild, das den Weg ins Zentrum (?), die nächste Großstadt und zur Agentur für Arbeit weist. Willkommen im östlichen Osten. Nach Polen ist es nicht mehr weit.
Im Supermarkt: Konsumenten und Personal bestehen ausnahmslos aus Frauentausch-Gesichtern und Trash-TV-Protagonisten. Hier lebt es noch, das proletarische Erbe des Arbeiter- und Bauernstaates. Man kleidet sich stil- und geschmacklos in einer Mischung sportiver Elemente (vulgo: Jogginghose) und Military Chic (vulgo: T-Shirts in Flecktarnoptik). Dumpfe, leere Gesichter. So wie die Stadt. Der VW Passat vor mir trägt stolz eine Aufschrift auf der Heckscheibe: "Todesstrafe für Kinderschänder". Das Nazipack gilt hier als legitimer Teil des Meinungspluralismus.

Mein Hotel im Industriegebiet ist eine gesichtslose Kulisse für das Remake von "Tod eines Handlungsreisenden", absurderweise umgeben von großflächigen Photovoltaik-Feldern. Auf die rieselt der Dauerregen - hier sind selbst die Solaranlagen arbeitslos. 

Auf Platz 1 meiner Hotel-TV-Fernbedienung ist übrigens RTL2 einprogrammiert.



Das fest angesetzte Wodkagelage muss wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt werden. Jetzt gibt es keinen Grund mehr, hier zu bleiben.